Wasseramseln: sattere Küken werden bessere Sänger

Wasseramsel auf einem Stein mit Ringmarkierungen am Fuß. (Foto: Andrew Mawby, 2008)
Wasseramsel auf einem Stein mit Ringmarkierungen am Fuß. (Foto: Andrew Mawby, 2008)

Gut wachsende Jungvögel der Wasseramsel singen später reichere Lieder als jene, die in der Kindheit wenige Energiereserven mit sich trugen. Die gut Gefütterten singen häufiger.

Wie vielerorts in Europa leben und singen Wasseramseln (Cinclus cinclus) an den Wässern des Flüssleins Lune in den Hügeln der Grafschaft Cumbria, hoch im Norden Englands an der Irischen See. Zweieinhalb Jahre lang beobachteten dort Lucy Magoolagan🔗 und ihre KollegInnen von der Lancaster Universität (UK) diese Tiere. Sie zählten die Eier in den Nestern, wogen und vermaßen neuntägige Küken, markierten diese individuell mit bunten Fußringlein und notierten, wie oft die Eltern das Nest mit Futter anflogen. Den Erwachsenen hörten sie später beim Singen zu und schrieben auf, womit die Vögel beschäftigt waren.

Zurück am Schreibtisch konnten die ForscherInnen eine Reihe von Schlussfolgerungen aus den gesammelten Daten ziehen: Neuntägige in guter Verfassung singen als Ausgewachsene eine größere Zahl verschiedener Silben und die öfter Gefütterten spielen mehr Lieder innerhalb einer bestimmten Zeit. Außerdem wird die Komplexität des Gesangs vom Familienstand bestimmt – liegen bereits Eier im Nest dann sind die Lieder einfacher gestrickt als wenn die Amsel noch gar keinen Partner gefunden hat.

Die Wasseramsel und ihr Gesang

Wasseramseln suchen am Ende des Winters ihre Partner, bauen dann gemeinsam ein Nest und ziehen dort drei bis sechs Nachkommen groß. Sie kommunizieren untereinander mit einem reichhaltigen Gesang, dessen Lieder etwa zwanzig Sekunden dauern und aus der Wiederholung verschiedener kurzer Silben bestehen. Wie viele Silben kennt ein Vogel, wie oft wiederholt er diese in einem Lied und wie häufig singt er? Die Antworten auf diese Fragen sind individuell unterschiedlich. Aber es gibt Trends und diese werden teilweise schon in der Nestlingszeit gesetzt.

Statt die Lieder immer wieder anzuhören, bedienen sich die WissenschaftlerInnen eines Tricks. Mit einem Griff in die Mathekiste malen sie die Tonaufnahmen auf. Zu jedem Moment eines Liedes erklingen mehrere Töne gleichzeitig mit unterschiedlicher Lautstärke. Malt man in einen Streifen von unten (tief) nach oben (hoch) laute Töne gelb und leise Töne violett dann erhält man das Spektrum des Klanges. Läuft nun beim Abspielen eines Liedes eine Papierrolle ab und malt die Spektren zu jedem Moment mit, erhält man das Spektrogramm. In diesem sind die Silben leicht erkennbar.

Spektrogramm des Liedes einer Wasseramsel.
Spektrogramm des Liedes einer Wasseramsel. Es ist zwölf Sekunden lang (von links nach rechts). Laute Töne sind gelb, leise sind violett. Die Tonhöhe ist auf der linken Seite in Kilohertz angegeben. Zum Vergleich der Kammerton a’ und drei Oktaven höher das a””. Zwischen einer und zwei Sekunden sieht man zum Beispiel, wie eine Silbe fünf mal wiederholt wird. Passend dazu auch das Hörbeispiel anhören!

Kindheit oder Gegenwart

Der Gesang selbst bedeutet für Vögel nur einen kleinen Energieaufwand, aber er weckt auch die Aufmerksamkeit anderer Tiere. Wenn Vögel singen, leben sie also gefährlicher. Außerdem geht die Zeit des Singens von der Futtersuche und anderen Arbeiten ab. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Umstände der Gegenwart den Gesang der Wasseramsel beeinflussen. Aber seit mindestens zwanzig Jahren gibt es die Vermutung, dass Bedingungen zur Nestlingszeit einen zusätzlichen Einfluss auf den Gesang haben. Denn genau dann wird die Fähigkeit zu singen aufgebaut und Stress, zum Beispiel durch Nahrungsmangel oder Krankheiten, würde die Entwicklung des Kükens behindern. Das müsste sich später im Gesang zeigen. Hinweise, die für diese Vermutung sprechen, wurden bisher nur bei Vögeln in Gefangenschaft beobachtet. Mit ihren Beobachtungen aus Nordengland bringt Lucy Magoolagan nun erstmals auch Argumente aus dem Leben wild lebender Vögel.

In dem besprochenen Artikel wurden männliche Vögel belauscht. Auch die Weibchen singen Lieder, jedoch anders, wie die ForscherInnen bereits in einer vorangegangenen Arbeit gezeigt haben. Die Komplexität der Lieder und das Silbenrepertoire sind bei Weibchen und Männchen gleich. Aber Weibchen singen in anderen Situationen als Männchen. Meist singen sie, um ihr Revier oder ihr Männchen gegen Konkurrentinnen zu verteidigen. Beim Nestbau singen die Weibchen zu ihrem Partner. Entweder tun sie das, um die Partnerschaft zu stärken oder den Haushalt zu koordinieren, so vermuten es die AutorInnen. Zum Sommer hin wird ihr Gesang seltener, während die Männchen relativ konstant weiter singen.

©Niko Komin (Follow )

Hierzu passender Artikel: “Schwierigkeiten alleinerziehender Blaumeisen” aus dem Juni 2018.

Quellenangabe:

Bildnachweis:

  • Titelbild: Wasseramsel von Andrew Mawby, 2008. Aus der Pressemitteilung von PLoS ONE
  • Spektrogramm erstellt mit SoX Version 14.4.1

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