Straßenbäume und Depressionen

Blick entlang einer Straße. Die Hälfte des Bildes ist eingenommen von Straßenbäumen am linken Straßenrand. Fluchtpunkt in rechter Bildhälfte auf mittlerer Höhe. Häuserzeile am rechten Straßenrand. Straße voll geparkt mit Autos.
Straßenbäume im Leipziger Stadtzentrum. (Foto: Philipp Kirschner)

Immer mehr Menschen leben in der Stadt. Bis 2050 werden es nach Schätzungen der Vereinten Nationen weltweit fast 70% sein. Und an der Stadt kann die psychische Gesundheit leiden. So steigen dort zum Beispiel die Zahl der Psychosen und dieser Anstieg ist nicht allein durch eine “Anziehungswirkung” der Stadt zu erklären.

Im Gegenzug helfen Grünanlagen, indem sie Stress reduzieren und die Aufmerksamkeit wiederherstellen. Unter Umständen haben schon Bäume am Straßenrand diesen Effekt. Psychologin Melissa Marselle und KollegInnen verschiedener Disziplinen zeigten, dass in den Gegenden Leipzigs mit mehr Straßenbäumen weniger Antidepressiva verschrieben werden.

Melissa Marselle kam als bereits promovierte Wissenschaftlerin aus dem Vereinigten Königreich nach Leipzig zum Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, um dort für eine befristete Zeit zu forschen. So eine Stelle heißt Postdoc-Stelle. In der Arbeitsgruppe Ökosystemleistungen von Professorin Aletta Bonn geht es um den Zusammenhang von Biodiversität und Gesundheit. Gemeinsam kamen sie auf die Idee, Gesundheitsdaten der LIFE-Studie und Baumzählungen des Leipziger Amtes für Stadtgrün und Gewässer zusammen zu bringen und auszuwerten.

Datenschätze vereint

Mit der LIFE-Studie begann 2011 in Leipzig die bis dahin größte Bestandsaufnahme von Lebensweise und Gesundheit einer städtischen Bevölkerung in Deutschland. Die Befragungen, Untersuchungen und auch Probennahmen von etwa 10.000 Menschen aus Leipzig bergen einen wertvollen Datenschatz, den es in den folgenden Jahren zu heben galt und immer noch gilt. Die umfangreichen Daten enthalten unter anderem den Sozioökonomischen Status (eine Mischung aus Bildung, Anstellungsart und Gehalt) und die Angabe über eingenommene Medikamente. Sie stehen WissenschaftlerInnen wie Melissa Marselle und Aletta Bonn zur Verfügung, um die Rolle der Lebensweise in bestimmten Krankheiten zu erforschen.

Karte von Leipzig mit allen Straßenbäumen.
Leipzigs Straßenbäume 2020 laut Amt für Stadtgrün und Gewässer. Bäume in Parks sind nicht dabei.

Die Art und der Standort jedes Straßenbaumes in Leipzig hat das Amt für Stadtgrün und Gewässer gezählt und veröffentlicht. 60414 Eschen, Eichen und Linden, Apfel-, Birnen- und Kirschbäume, Kastanien, Kiefern, Fichten und Tannen säumten am 16. März 2020 Leipzigs Straßen. Bäume in Stadtparks, Hinterhöfen oder Privatgärten sind dabei nicht mitgezählt.

Mit diesen Daten und dem freien Kartendienst OpenStreetMap kann für jede Straße genau die Straßenbaumdichte und -vielfalt bestimmt werden. Gemeinsam mit der LIFE-Studie können sich bestehende Zusammenhänge zur Gesundheit der Einwohnerinnen und Einwohner zeigen. Frühere Studien betrachteten nur die Straßenbäume auf Bezirksebene.

Weniger Antidepressiva in Gegenden mit vielen Straßenbäumen

Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen (RKI). Neben Psychotherapie werden auch Medikamente zur Behandlung eingesetzt, daher sind die Verschreibungszahlen von Antidepressiva in einer Gegend ein Maß für die Zahl der dortigen Erkrankungen. So werden Orte miteinander vergleichbar.

In der LIFE-Studie ist der Gesamtanteil derer, die Antidepressiva nehmen, etwa so hoch wie in ganz Deutschland. Das waren 2015 laut Angaben der OECD etwa 5,6%. Der Vergleich mit den Straßenbäumen ergibt, dass in Gegenden Leipzigs mit vielen Straßenbäumen tatsächlich weniger Antidepressiva verschrieben werden. Allerdings ist der Effekt sehr klein. Anders sieht es aus, wenn man nach dem Sozioökonomischen Status unterscheidet. Sozial benachteiligte Menschen erkranken generell häufiger an Depressionen. Wenn aber in unmittelbarer Nähe zum Wohnort viele Straßenbäume stehen, ist die Zahl der Verschreibungen so gering wie bei den anderen Gruppen. Die soziale Ungleichheit verschwindet dann.

Für Marselle war das keine Überraschung: “Es gibt genügend Daten, die einen ähnlichen Effekt zeigen, bei dem die Anzahl der Grünflächen positiv auf die psychische Gesundheit von Menschen mit geringem Sozioökonomischen Status wirkt.” Natur wirke gerade auf die Mechanismen, die bei den Benachteiligten die psychische Gesundheit stärker beeinträchtigt, schreiben die AutorInnen in ihrem Artikel. Vor allem greife der Effekt der sogenannten Wiederherstellung der Aufmerksamkeit (Attention Restoration).

Diese Idee wurde bereits in den 1980er Jahren entwickelt. Marselle: “Elemente der Natur, die faszinierend sind, ziehen mühelos unsere Aufmerksamkeit an sich und erlauben die Wiederherstellung der Konzentrationsfähigkeit”. Dies reduziert Stress. Viele Studien befassen sich mit dieser Wirkung, laut Marselle hätten manche gar gezeigt, dass auch der Anblick von Projektionen oder Fotos Stress reduziert. “Aber der Effekt ist im echten Leben größer”. Luft säubern, vor Lärm und Hitze schützen, zu Bewegung anregen und den sozialen Zusammenhalt stimulieren kann Natur auch, das fördert zusätzlich die Gesundheit, aber eine Fototapete kann das nicht.

Was Melissa Marselle überraschte, war der fehlende Einfluss der Baumvielfalt. Den untersuchten die WissenschaftlerInnen in der Studie auch, aber es machte keinen Unterschied für die Verschreibungszahlen, ob in allen Straßen des Viertels Platanen stehen oder sich Ahorne, Buchen, Robinien und Pflaumenbäume abwechseln. Einzig mit der Menge der Bäume verringern sich die Verschreibungen.

In der Studie sind generell nur Art und Standort der Straßenbäume berücksichtigt, nicht aber das Alter oder die Größe der Bäume. Auch die Nähe zu Parks oder Grünanlagen wurden ausgeklammert. Trotzdem: “Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass Straßenbäume dazu beitragen können, die Lücke der gesundheitlichen Ungleichheit zu schließen”, sagte Marselle. Und neue Straßenbäume sind einfacher zu verwirklichen als ein neuer Stadtpark.

©Niko Komin (Follow )

Anmerkung: Hilfe für von Depression Betroffene und deren Angehörige bietet unter anderem die Deutsche Depressionshilfe, zum Beispiel mit einem Info-Telefon.

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