Archäologie aus erster Hand

“Unsere Gefühle und unser Erstaunen, als uns das bessere Licht die fantastische Ansammlung an Schätzen offenbarte, sind schwer zu beschreiben.”

Howard Carter (1922)

So beschreibt Howard Carter in seinem Grabungstagebuch den Moment, als er am 26. November 1922 mit Taschenlampe und Kerze die berühmte Grabkammer Tutanchamuns erstmals erleuchtet. Zeugnisse menschlicher Aktivität nach so langer Zeit in Dunkelheit wieder ans Licht zu bringen, ist nur wenigen Menschen vergönnt. Einige von ihnen arbeiten im Deutschen Archäologischen Institut (DAI), welches sich seit 190 Jahren der Archäologischen Forschung widmet und laut Eigendarstellung von Anfang an “… antike Denkmäler und Objekte … einer breiten Öffentlichkeit in Publikationen zugänglich” macht. Heute geschieht das unter anderem in Form der Blogs.

Dort präsentieren sich archäologische Funde, bevor eine Ausstellung im Museum überhaupt in Betracht kommt. Außerdem ist man beim Lesen hautnah dabei und kann den WissenschaftlerInnen quasi bei der Arbeit über die Schulter schauen. Da ein internationales Publikum angesprochen ist, sind leider nicht alle Beiträge auf Deutsch.

Geburtstag

Am 21. April 2019 feierte das Institut seinen 190. Geburtstag und startete das Blog “190 Jahre DAI”. Seitdem wird jeden Tag jeweils ein Grabungsort, ein Projekt oder eine Abteilung aus der ganzen Bandbreite des DAI vorgestellt und mit vielen Fotos und Kartenmaterial illustriert. Auch kommen WissenschaftlerInnen in Videos persönlich zu Wort. Besonders schön ist die Interaktive Karte, auf welcher die Orte der einzelnen Blogeinträge markiert sind.

Dieses Blog ist zunächst auf 190 Tage angelegt, veröffentlicht also nur noch bis zum 27. Oktober. Ab 2020 soll es dann laut der Pressesprecherin des DAI, Nicole Kehrer, in einer anderen Form weitergeführt werden. In bisher vier weiteren Blogs berichten einzelne Arbeitsgruppen von ihrer Forschung, weitere werden noch hinzukommen.

Steinzeitrituale

Zwei Meter hohe, T-förmige Säule (Nr. 56) aus Stein von Göbekli Tepe. (Foto: Nico Becker, DAI)
Diese “Säule 56” aus Göbekli Tepe ist etwas über zwei Meter hoch. (Foto: Nico Becker, DAI)

Schon seit 2016 kommen die “Tepe Telegramme” der Orient-Abteilung aus “Göbekli Tepe”, dem “im Netz am meisten diskutierte[n] Grabungsort des DAI” (N. Kehrer). Unter diesem 15 Meter hohen “Bauchigen Hügel” in der Türkei stehen in Kreisen angeordnet, reichhaltig verzierte, T-förmige Säulen aus Stein, die von unseren halb-nomadisch lebenden Jäger-und-Sammler-Vorfahren erbaut und wahrscheinlich nur saisonal benutzt wurden. Wozu genau ist noch unklar, möglich ist eine Nutzung für religiöse Feste oder für Bestattungen. Vor etwa 10.000 – 12.000 Jahren haben Menschen das Areal nach und nach begraben. Warum sie das taten ist eine weitere offene Frage.

Die “Tepe Telegramme” sind eine reichhaltige Fundgrube an Texten und Bildern zu einem spektakulären Monument der Steinzeit und seiner Erforschung. Die meisten Beiträge sind von den beiden Archäologen Jens Notroff und Oliver Dietrich geschrieben. Die Kommentarfunktion ist freigeschaltet und die AutorInnen nehmen rege an den Diskussionen teil.

Für manch deutsche LeserIn mag es etwas schade sein, dass alle Blogeinträge auf Englisch sind.

Jüngere Geschichte in jüngeren Blogs

Alle anderen Blogs sind wesentlich jünger und daher auch noch eher klein. Dafür sind viele Artikel in deutscher Sprache.

Auf dem Blog “Bridging Eurasia” lesen wir von der ältesten bekannten Hose. Sie stammt aus dem Grab eines Mannes im Nordwesten Chinas und ist aufgrund der hohen Trockenheit in der Gegend sehr gut erhalten. Die Hose ist aus Schafwolle und wurde vor 3200 Jahren von einem Reiter getragen. Ötzi zum Beispiel, der etwa 2000 Jahre früher lebte, hatte dagegen zweiteilige Beinlinge aus Ziegenfell.

Um die Techniken der Herstellung besser zu verstehen, rekonstruierte Mayke Wagner mit MitarbeiterInnen des DAI und internationaler Hilfe das Kleidungsstück. Der Blogeintrag “Die Erfindung der Hose” präsentiert das gleichnamige Buch und den zugehörigen Film. Er enthält auch einen kleinen Trailer, in dem die rekonstruierten Hose in Bewegung zu sehen ist. Weitere Informationen und Bilder finden sich auf “190 Jahre DAI – Tag 8”.

Archäologie im Experiment – Zwei Bilder einer Hose. Links: 3200 Jahre alt und löchrig, rechts: gleicher Schnitt und Material aber neu. Dunkelbraun mit beige-farbenen Mustern. (Foto: Dominic Hosner, DAI und Ulrike Beck, DAI)
Links die 3 200 Jahre alte Hose aus dem Grab im Nordwesten Chinas (Foto: Dominic Hosner, DAI). Rechts die moderne Rekonstruktion (Foto: Ulrike Beck, DAI).

Die Römisch-Germanische Kommission erforscht die Geschichte Europas von der Steinzeit bis in die Antike hinein und bloggt darüber in “crossing borders – building contacts”. Dort kann man unter anderem in einem Archäologieexperiment den Nachbau eines fast sechstausend Jahre alten Töpferofens aus der heutigen Republik Moldau sehen, der erfolgreich auf bis zu 850 Grad Celsius beheizt werden kann.

Ein gemeinsames Forschungsprojekt des DAI mit deutschen und türkischen Universitäten schaut auf die Veränderungen der Region um die Stadt Pergamon zwischen 300 v. Chr. und 300 n. Chr. In diese Zeit fällt eine Verdopplung des Stadtgebiets, die Errichtung von Monumentalbauten wie Theater und Stadion und damit einhergehend große Veränderungen der Umgebung. Eindrücke von den Arbeiten einer Ausgrabung mit vielen Fotos dokumentiert der Artikel “Lernen – Forschen – Kultur erhalten” auf dem Blog mit dem etwas sperrigen Namen “Transformation of the PERGAMON Micro-Region”.

Schnell im Blick

Die Beiträge aller Blogs in allen Sprachen sind immer aktuell auf der Startseite (www.dainst.blog) gesammelt.

Wer noch größere Neugier auf archäologische Neuigkeiten stillen möchte, dem seien die sogenannten e-Forschungsberichte empfohlen. Nach Jahren sortiert sind hier hervorragend illustrierte Berichte einzelner Aktivitäten relativ leicht verständlich in deutscher Sprache beschrieben. Außerdem gibt es die Zusammenfassungen der einzelnen DAI-Projekte, auch da lässt es sich hervorragend stöbern.

©Niko Komin (Follow )

Die neue Rubrik “Querverweis” von Laika stellt Internetangebote von Wissenschaft für Laien vor. Die Autoren der Beiträge stehen in keinem Verhältnis zu den beschriebenen Seiten. Insbesondere gibt es keinen Einfluss auf den Inhalt des Beitrages und es gab und gibt keine wirtschaftlichen Verbindungen, Zuwendungen oder Vergünstigungen.


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