Leben im Meer: Die zehn erstaunlichsten Entdeckungen 2018

Zehn der zweitausend im letzten Jahr neu beschriebenen Arten wurden vom Weltweiten Register der Meereslebewesen als besonders bemerkenswert ausgewählt. Dazu gehören unter anderem Mini-Seepferdchen, Einsiedlerkrebse mit Anemonendecke und Schwamm besetzte Algen.

Unter der Oberfläche der Weltmeere gibt es noch viel Unbekanntes, fast zweitausend Arten Lebewesen werden jedes Jahr von der Wissenschaft erstmals beschrieben. Unter den Neuzugängen des Jahres 2018 wählten die Redakteure des Weltweiten Registers der Meereslebewesen (World Register of Marine Species, WoRMS) zehn besonders bemerkenswerte Arten aus. Das EU-finanzierte WoRMS sammelt und ordnet die Namen aller marinen Organismen und verweist auf die Veröffentlichung, in der die Erstbeschreibung stattfand. Diese enthält die wichtigsten Merkmale und den zweiteiligen wissenschaftlichen Namen, oft auch Fotos oder Zeichnungen und zunehmend die Ergebnisse aus genetischen Analysen.

Von den zehn ausgewählten und hier präsentierten Arten wurden sechs Erstbeschreibungen open access veröffentlicht, sind also für alle Menschen frei zugänglich. Die restlichen vier sind hinter einer Bezahlschranke, sie können nur in einer Bibliothek oder gegen Bezahlung gelesen werden. Es sind neun Tierarten und eine Pflanzenart.

Schweinchen, Hobbits, Blumentiere und ein zugedeckter Krebs

"Japanschwein" Seepferdchen, Hippocampus japapigu
“Japanschwein” Seepferdchen, Hippocampus japapigu (Foto: Smith)

Seepferdchen (Hippocampus) sind tropische und subtropische Meeresbewohner, sie sind Fische, die aussehen wie Pferde und sie haben keine Beine, aber Kiemen. Bei der Paarung deponieren die Weibchen ihre Eizellen in den Männchen, aus denen nach ein paar Wochen sehr kleine, fertig ausgereifte Seepferdchen schlüpfen (Video des “National Geographic”). Knapp fünfzig Arten sind wissenschaftlich bekannt, drei davon leben im Mittelmeer. Nun wurde eine neue Art vor der Japanischen Insel Hachijo-Jima im Pazifik wissenschaftlich beschrieben: weniger als zwei Zentimeter groß und mit nur einer Kieme statt mit zwei. Lokale Taucher nennen sie “Kleines Schweinebaby. Dies haben die beschreibenden BiologInnen mit einem japanischen Anglizismus in den wissenschaftlichen Namen eingehen lassen: Hippocampus japapigu (Artikel).

"Baggins" Garnele Odontonia bagginsi
“Baggins'” Garnele Odontonia bagginsi (Foto: de Gier & Fransen)

Bilbo Baggins ist ein Hobbit. Ihn und seine Artgenossen erschuf Autor J.R.R. Tolkien in seinen Romanen. Hobbits sind wie sehr kleine und sehr starke Menschen und sie haben Haare auf den Füßen. Daran erinnerten sich die BiologInnen, als sie indonesische Garnelen unter dem Mikroskop sahen, fotografierten und abzeichneten. So gaben sie Bilbos Familiennamen an die Garnele weiter: Odontonia bagginsi (Artikel). “Baggins'” Garnele lebt im Inneren von Seescheiden. Mit Tolkiens Figuren wurden schon andere Tiere verglichen.

Hanagasa Koralle Hana hanagasa  und Tänzer mit traditioneller Kopfbedeckung Hanagasa
Hanagasa Koralle Hana hanagasa (Foto: Lau) und Tänzer mit traditioneller Kopfbedeckung Hanagasa (Foto: Dalbéra)

Korallen gehören biologisch zur Klasse der Blumentiere. Ein passender Name für Tiere, die lange für Pflanzen gehalten wurden. Eine 2018 neu beschriebene Art stammt aus den Gewässern der japanischen Okinawa-Inseln. Diese Art hat eine so große Ähnlichkeit mit Blüten, dass die Gattung den Namen Hana (japanisch “Blume”) bekam und die Art nach der in Okinawa bei traditionellen Tänzen benutzten Kopfbedeckung benannt wurde: Hana hanagasa (Artikel).

Verwirrender Decken-Einsiedlerkrebs Paguropsis confusa
Verwirrender Decken-Einsiedlerkrebs Paguropsis confusa (Foto: DST/NRF ACEP – Spatial Solutions project team)

Die meisten Einsiedlerkrebse schützen ihren ungepanzerten Bauch, indem sie in verlassene Muschelschalen oder Schneckenhäuser einziehen, die sie dann mit sich umher tragen. Werden die Behausungen zu klein, suchen sich die Krebse größere. Eine Krebsart trägt stattdessen eine Seeanemone auf ihrem Schwanz, die mit dem Krebs gemeinsam wächst. Der Krebs kann die Anemone bei Bedarf wie eine Decke bis über den Kopf ziehen. Die Art ist seit etwa 1900 bekannt, viel wurden die Krebse in den letzten Hundert Jahren aber nicht erforscht. Nach genauer Untersuchung der Tiere wurden nun im letzten Jahr mindestens sechs verschiedene Arten dieser “Decken-Krebse” unterschieden (Artikel). Über die Art der Anemone ist weiterhin wenig bekannt.

Algen, Meerdrachen und Fossilien

Schwamm liebende Rotalge Ptilophora spongiophila
Schwamm liebende Rotalge Ptilophora spongiophila (Foto: Muséum National d’Histoire Naturelle)

PtilophoraAlgen sind relativ selten. Sie leben in bis zu 100m Tiefe und produzieren Agar, so wie andere Rotalgen auch. Agar ist sogenannte vegane Gelatine. Besonders an Ptilophora ist, dass oft Schwämme auf ihnen leben. WissenschaftlerInnen aus Frankreich, Korea und den USA entdeckten vor der Küste Madagaskars drei bislang unbeschriebene Arten (Artikel, Bezahlschranke). Eine davon ist so stark mit Schwämmen besiedelt, dass sie dies in den Namen geschrieben bekam: Ptilophora spongiophila (altgriechisch spongos, “Schwamm”; philos, “liebend”).

Hongkong Meerdrache Hoilungia hongkongensis
Hongkong Meerdrache Hoilungia hongkongensis (Foto: Osigus)

Die meisten Tiere der Erde haben eine linke und eine rechte Seite, haben vorne und hinten, sowie oben und unten. Bilateria heißen diese Tiere. Bei Quallen oder Seesternen ist das nicht so. Sie haben eine Ober- und eine Unterseite und sind radiärsymmetrisch. Noch einfacher gebaut sind Placozoa, “flache Tiere”. Oben und unten ist zu erkennen, ansonsten sind sie aber unregelmäßig geformt. Sie bestehen nur aus wenigen verschiedenen Zelltypen und haben keine Neuronen. Äußerlich sind die einen Millimeter großen Tiere kaum zu unterscheiden. Daher wurden über hundert Jahre lang alle gefundenen Placozoa zu einer Art gezählt, zur “haftenden haarigen Platte” (Trichoplax adhaerens). Erst nach einer genetischen Analyse wurde nun eine neue Art eingeführt, die vor Hongkong lebende Hoilungia hongkongensis. Da selbst genetisch identische Klone grundverschiedene Formen ausbilden, nannten die ForscherInnen die Tiere nach einem chinesischen Gott, der verschiedene Gestalten annimmt: Meerdrache, Hoi Lung. (Artikel)

Stromatolithkrebs Sinelobus stromatoliticus
Stromatolithkrebs Sinelobus stromatoliticus (Foto: Błażewicz)

Krebstiere der Gattung Sinelobus sind Kosmopoliten, die an fast allen Küsten der Erde zu finden sind. Fünf verschiedene Arten sind bisher bekannt. An der südafrikanischen Küste wurde nun eine neue Art gefunden. Diese lebt in wachsenden Stromatolithen (Artikel, Bezahlschranke). Das sind normalerweise Fossilien, das heißt Gesteine, die in der Vergangenheit von Mikroorganismen abgelagert wurden. Nur an wenigen Orten sind sie auch heute noch im Wachstum begriffen. Die zwei Millimeter großen Krebse der Art Sinelobus stromatoliticus bohren ihre Tunnel in den nachwachsenden, bakteriellen Teil, ohne dabei die Ablagerung des harten Materials zu stören.

Haie und Parasiten

Tiefseehaie pflanzen sich sehr langsam fort. Daher ist auch die Evolution der Art langsam und die genetischen Unterschiede zwischen Individuen sind klein. Obwohl sechstausend Kilometer zwischen Japan und Hawaii liegen, wurden die Kleinspitzen-Dornhaie beider Inselgruppen bisher zu einer einzigen Art gezählt. Äußerlich können die Tiere der beiden Populationen aber zum Beispiel an der Größe der Rückenflosse unterschieden werden. Zusammen mit der Genanalyse der Tiere wurde nun der Hawaiianische Dornhai Squalus hawaiiensis als eigenständige Art erkannt (Artikel).

Hawaiianischer Dornhai Squalus hawaiiensis
Hawaiianischer Dornhai Squalus hawaiiensis (Foto: Daly-Engel)

Autofahrer und Piloten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts begründeten das Image der Lederjacke als Symbol für Männlichkeit und Verwegenheit. Wegen der Beschaffenheit der Haut werden bestimmte Fische im Indischen Ozean Lederjacken genannt. Auf manchen dieser Fische leben kleine Parasiten (Artikel, Bezahlschranke). Diese seien ‘harte Typen’, “weil sie zwar klein sind, aber in Lederjacken umher gehen.” So sagten sich die beschreibenden BiologInnen und nannten die Parasiten Parallelolebes virilis (lateinisch virilis, “männlich”).

"Harter Typ"-Wurm Parallelolebes virilis. Der schwarze Strich über dem Wurm ist 0.5mm lang.
“Harter Typ”-Wurm Parallelolebes virilis. Der schwarze Strich über dem Wurm ist 0.5mm lang. (Bild: Martin)
Shandikovs Laufender Egel Ambulobdella shandikovi
Shandikovs Laufender Egel Ambulobdella shandikovi (Foto: Utevsky)

“Medizinische Blutegel” leben im Süßwasser, saugen sich an vorbeikommenden Säugetieren fest und trinken deren Blut, um sich davon zu ernähren. Es gibt Egel auch in tropischen Wäldern, in arktischen Meeren und in 4000 Metern Tiefe. Als 2009 der Fischkundler Gennadiy Shandikov im Rossmeer der Antarktis einen Grenadierfisch aus 1300 Metern Wassertiefe zog, hing an diesem ein Egel. Dieser wurde zunächst bei -20°C in Alkohol eingefroren und erst später von Shandikovs Kollegen analysiert. Kleine Ausstülpungen der Haut erinnern an Beinchen und da laut genetischer Analyse keine engeren Verwandten bekannt sind, bekam der Parasit seinen eigenen Gattungsnamen: Ambulobdella (Laufender Egel, lateinisch und griechisch). Im vollen Namen Ambulobdella shandikovi wurde der Finder für seine zahlreichen Beiträge zum Wissen über die Antarktische Fischwelt geehrt (Artikel, Bezahlschranke).

©Niko Komin (Follow )

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