Eine bessere Erfahrung stärkt den Placeboeffekt

“Der Kopfschmerz” (“The Head Ache”) von George Cruikshank, 1819 (Metropolitan Museum of Art)

Ein erlernter Placeboeffekt kann manche Schmerzen lindern. Ist der erlernte Erfolg immer gleich groß, dann ist der Effekt stärker als bei gemischten Erfahrungen. 

So zumindest haben das drei ForscherInnen aus dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf für die Behandlung von Schmerzen zeigen können. Der Zusammenhang basiert auf dem Placeboeffekt. Dieser ist im Bezug auf Schmerzen besonders wirksam und wird dort auch intensiv erforscht.

Erwartung und Reflex

Placeboreaktionen werden vor allem von zwei Dingen ausgelöst: von erlernten Reflexen und von der eigenen Erwartungshaltung (Ärzteblatt). Wie erlernte Reflexe auf Schmerzen wirken, haben sich Arvina Grahl, Selim Onat und Christian Büchel vom Institut für Systemische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf genauer angeschaut.

Dazu befestigten sie den freiwilligen (und bezahlten) StudienteilnehmerInnen kleine Hitzeelemente auf dem Unterarm. Diese können schnell auf gewünschte Temperaturen erhitzt und gekühlt werden und verursachen daher kontrolliert unterschiedlich starke Schmerzen. Die Probanden bewerten den empfundenen Schmerz auf einer Skala von 0 bis 100, der höchste Wert entspricht dabei der Toleranzgrenze, also bei welcher der Schmerz unerträglich wird. So kann man das individuelle Schmerzempfinden verschiedener Personen gut vergleichen.

Zusätzlich zu den Heizelementen trugen die Probanden Elektroden am Arm, mit denen eine schmerzlindernde elektrische Nervenstimulation (TENS) angewendet werden kann. Den TestteilnehmerInnen war zuvor erklärt worden, dass der Versuch der Erforschung von TENS gilt und hier in nicht merkbarer Stärke angewendet wird. Tatsächlich jedoch wurde die Stimulation beim Versuch nur angekündigt, nicht aber eingeschaltet.

Schematische Erklärung eines erlernten Reflexes (Pawlowscher Hund): Geruch von Futter lässt Speichel fließen (1.), das klingen einer Glocke hat zunächst keine Folge (2.), beim Erlernen wird während des Fütterns die Glocke geläutet (3.), ab dann läuft der Speichel auch beim Klingen der Glocke ohne den Anblick von Futter (4.).

Scheinbehandlung und Scheinerfolg

Nach Ermittlung des persönlichen Schmerzempfindens wurden den ‘Patienten’ der Behandlungserfolg “gelehrt”. Dazu erhitzten die ForscherInnen die Heizelemente entweder auf den Schmerzlevel 70, oder sie kündigten eine Behandlung mit TENS an (ohne sie aber einzuschalten) und erhitzten die Elemente dafür nur auf den Schmerzlevel 30. Nach mehreren Durchgängen entwickeln die TeilnehmerInnen eine Erwartung bezüglich der Scheinbehandlung. Wie es bei solchen Versuchen üblich ist, gab es zwei verschiedene Gruppen. Bei der einen Gruppe war der kleinere Schmerz konstant auf Stärke 30 geregelt. Bei der anderen Gruppe aber schwankte der Erfolg um diese Zahl. Hier ist also die Wirksamkeit der Therapie mal besser und mal schlechter, im Durchschnitt aber genauso groß wie bei der ersten Gruppe.

Im anschliessenden Versuchsteil erhitzten die ForscherInnen das Heizelement mehrmals konstant auf Schmerzstufe 50, unabhängig davon ob die Scheinbehandlung angekündigt wurde oder nicht. Jetzt zeigte sich die Wirkung der unterschiedlichen Behandlung: zwar berichteten alle eine Schmerzlinderung, wenn TENS angekündigt wurde, aber die Gruppe welche vorher konstant gute Erfahrungen machte, empfand die Milderung stärker als die andere Gruppe. Die Präzision des Therapieerfolges vergrößert den Placeboeffekt, sie wirkt sich also positiv auf das Schmerzempfinden aus.

Nach Abschluss des Versuches werden die TeilnehmerInnen übrigens über die wahren Hintergründe der Studie (also die Placeboforschung) informiert.

Placeboformen und -funktionen

Placeboeffekt durch die Farbe beeinflussen
Auch die Farbe des Medikaments kann einen Einfluss haben.

Der Placeboeffekt hat viele Gesichter, zum Beispiel erfahren mehr Menschen eine Schmerzlinderung, wenn die eingenommene Schmerztablette $2.50 kostet, statt nur zehn Cent. Dabei mussten die Patienten die Tabletten nicht einmal selbst bezahlen (Waber 2008, Bezahlschranke). Manche Schmerzmittel sind wirksamer, wenn sie bewusst eingenommen werden. Werden sie versteckt verabreicht, dann muss bis zur doppelten Menge verwendet werden, um den gleichen Effekt zu erzielen (Rief 2011, Bezahlschranke). Auch die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung kann Einfluss auf die Therapie nehmen (Kaptchuk 2008) und besonders interessant ist, dass Placeboeffekte auch auftreten können, wenn die Versuchspersonen über die Placebogabe voll informiert sind (Kaptchuk 2010).

Dies alles heisst natürlich nicht, dass man einen Tumor oder eine HIV-Infektion einfach wegdenken kann. Da der Placeboeffekt aber auf Schmerzen, Depressionen, Ängste oder manche Symptome der Parkinsonkrankheit durchaus positiv wirkt, sollte er in der klinischen Praxis auf jeden Fall berücksichtigt werden. Allerdings führt uns das zu einem moralischen Dilemma. Es ist leicht zu verstehen, dass der Placeboeffekt beim Test neuer Medikamente die Beurteilung erschwert. Die Tester möchten den Effekt also so klein wie möglich halten. Was aber, wenn die behandelnde Ärztin einen möglichst großen Behandlungserfolg möchte – darf sie ihren Patienten belügen oder sollte sie es sogar tun? Viele Menschen würden die Frage sicher verneinen, es widerspricht dem Anspruch eines informierten, aufgeklärten und selbstbestimmten Patienten.

Tatsächlich kann der Effekt aber auch genutzt werden, ohne zu lügen. Vor der Therapie kann durch Gespräche auf die Erwartungshaltung Einfluss genommen werden und eine positive Arzt-Patient-Beziehung wird durch ausreichende Betreuung gefördert. Auch kann das Absetzen eines Medikamentes so erfolgen, dass der genaue Zeitpunkt unbekannt ist. Dadurch werden Entzugserscheinungen verringert. Ein vollständiges Verständnis des Placeboeffekts wird sicherlich irgendwann zu Therapien führen, die mit kleineren Medikamentendosen weniger Nebenwirkungen hervorrufen aber ebenso erfolgreich oder sogar besser als heutige Behandlungen sind.

Niko Komin (Follow @kokemikal)

Quellenangabe:

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