
Ein Vogel zwitschert im Park. Ich bleibe stehen und drehe mich dem Gesang zu. Das Tier hüpft unter Frühlingsblumen nach links, nach rechts, auf und ab. Ich gehe vorsichtig einen Schritt, um es nah zu sehen. Das Vögelchen pausiert. Sein schwarzes Äuglein erwidert meinen Blick. Ein grüner Zweig verdeckt Brust und Bauch, und ich versuche, einen weiteren Schritt näherzukommen, doch mein Gegenüber springt in die Luft und flattert davon.
Vogel und Umwelt
Jeder Vogel ist anders. Aber der Abstand, bei dem Vögel oder andere Wildtiere vor einem Menschen die Flucht ergreifen, ist typisch für jede Art. Zum Beispiel gehen große Vögel, bei denen der Start mehr Energie verbraucht, eher auf Nummer sicher als kleine. Auch die Umgebung beeinflusst, wie scheu die Tiere sind. Pflanzen in der Nähe können Vögel Sicherheit vermitteln, Gewöhnung an Menschen durch gemeinsames Leben in der Stadt auch.
Unwichtig scheinen dagegen die Körpergröße des sich nähernden Menschen (Van Dongen, 2015) oder die Erfahrung des Beobachtenden zu sein. Das mag für angehende Vogelbeobachter beruhigend sein: nach einer kleinen Einweisung kommen Neulinge Vögeln genauso nah wie Erfahrene. Zumindest war das bei den fünf Ornitholog:innen so, die das an australischen Schwarzschwänen ausprobiert haben (Guay, 2013).
Was aber einen Unterschied macht, ist das Geschlecht der sich nähernden Person. Die Idee, dies zu testen (Morelli, 2025), kam den Vogelkundlern aus Europa und Nordamerika in Gesprächen über Reaktionen anderer Tiere gegenüber Männern und Frauen. Insbesondere ein Experiment von 2014 mit Laborratten und -mäusen inspirierte sie. Männer stressten jene Labortiere stärker als Frauen (Sorge, 2014).
Unerwartet, unerklärt
Deshalb haben sich die zehn Ornithologen darangemacht, Fluchtdistanzen von fast vierzig europäischen Vogelarten zu messen. In städtischen Grünanlagen in Polen, Tschechien, Deutschland, Frankreich und Spanien gingen sie auf die Pirsch und schrieben zum gemessenen Abstand jeweils auf, ob sich eine Frau oder ein Mann dem Tier genähert hatte. Und die Vögel machten einen Unterschied: Männer lassen sie im Durchschnitt einen Meter näher herankommen als Frauen.

“Wir hatten das Gegenteil erwartet”, so Erstautor Morelli. Wenn dieser Unterschied eine Anpassung an menschliches Jagdverhalten ist, sollten die Jäger–und hiermit würden meist Männer in Verbindung gebracht–eher als Bedrohung wahrgenommen werden. “Dagegen werden Frauen in früheren Gemeinschaften mit dem Sammeln assoziiert.”
Wie die Rollenverteilungen in längst vergangenen Gesellschaften wirklich aussahen, weiß niemand und es ist Gegenstand vieler Diskussionen. Mit großer Sicherheit war die Trennung der Geschlechter zwischen Jagen und Sammeln nicht schwarz-weiß (siehe Abbildung „Frauen auf der Jagd“). Morelli und seine Kolleginnen spekulieren, dass sich jagende Frauen auf kleinere Beute spezialisiert haben könnten und Vögel sich darauf angepassten.
Die Veröffentlichung ist eine Pilotstudie, nur acht Personen haben daran teilgenommen. Mehr Forschung könnte das Ergebnis untermauern. Aber es gibt auch noch eine andere Frage: Wie nehmen Vögel diesen Unterschied eigentlich wahr? Es könnte die Frisur oder der Gang sein, bei den Laborratten von 2014 war es der Geruch. Morelli und seine Kolleginnen wissen es nicht.
Der Geruchssinn von Vögeln ist bislang nur wenig erforscht, im Experiment mit den Ratten hatten die Forscher benutzte T-Shirts und Einstreu von anderen männlichen Säugetieren als Quelle für den Geruch benutzt. Wie dem auch sei, „Auch wenn der genaue Mechanismus noch unklar ist, unterstreichen unsere Ergebnisse die hohe Kompetenz von Vögeln, ihre Umwelt einzuschätzen.“ so Morelli.
©Niko Komin (@kokemikal)
