Derzeitige Lage und Ausdehnung des Reservats der Hopi.
Der heutige Querverweis bringt uns zu einer Sammlung faszinierender Figuren aus geschnitztem Holz, zwischen zehn und dreißig Zentimeter hoch, kunstvoll bemalt und teilweise mit Federn oder Haaren verziert. Diese tithu genannten religiösen Objekte der Hopi repräsentieren Katsinam, Geister von Tieren oder Pflanzen, von Naturerscheinungen oder Göttern. Schon lange erregen sie auch das Interesse weißer Künstler, Ethnologen und Sammler. Zu den Sammlern gehören Antonio und Christin Ferretti, Schweizer Radfahrer und Kochbuchautorin, die ihre über dreißig Jahre entstandene Sammlung 2018 an das Nordamerika Native Museum der Stadt Zürich (NONAM) übergaben.
Danach war ein Teil der Figuren vorübergehend in einer Sonderausstellung zu sehen und ab dem 4. April werden manche der tithu in der Dauerausstellung integriert sein. Zwischenzeitlich widmeten sich Ethnologe Markus Lindner und Kunsthistorikerin Hilja Droste gemeinsam mit Studierenden der Universität Frankfurt der Sammlung. Herausgekommen ist die unglaublich sehenswerte virtuelle Ausstellung “Die Wanderer”: Fotografien der fast zweihundert tithu jeweils begleitet von einem erklärenden Text. Weitere Texte widmen sich der allgemeinen Bedeutung in der Kultur der Hopi, den zugehörigen Zeremonien und der Geschichte der Wahrnehmung durch die weißen Europäer. Außerdem gibt es eine umfangreiche Literaturliste, um größeren Wissensdurst zu stillen.
Wegen des großen Interesses an den Figuren durch Weiße hatten Hopi bald angefangen, direkt für den Verkauf an die Reisenden zu schnitzen. Aber “unter Hopi gibt es verschiedene Ansichten darüber, wie mit Katsinam und tithu umgegangen werden soll” schreibt uns Markus Lindner. So seien einige der Meinung, das Menschen oder Gottheiten nicht als tithu geschnitzt werden dürfen. Andere interpretieren das anders, daher gibt es Figuren deren Darstellung nicht alle Hopi billigen. Auch in der Ferretti-Sammlung. Markus Lindner: “Wir haben uns entschlossen, den Weg zu gehen, bei dem wir nur tithu zeigen, die nach unserem Wissen, niemanden stören”. Die Ausstellung solle aber auch nicht verheimlichen, das es solche Figuren gibt. Deshalb sind manche Fotos verpixelt.
Parasiten im Blut von Hunden verändern den Geruch so, dass Sandmücken infizierte Hunde bevorzugt anfliegen.
Labrador Sally ist gesund und munter und hat nicht an der Studie teilgenommen. Foto: N. Komin
Leishmaniose ist eine Krankheit, die von Parasiten verursacht wird. Sie kommt vor allem in den Tropen und Subtropen vor und wie bei Malaria werden die Erreger von stechenden Insekten übertragen. Diese nehmen die Parasiten mit dem Blut eines infizierten Tieres auf und können danach andere Tiere anstecken. Bei der Leishmaniose sind Sandmücken die Überträger. An der Leishmaniose erkranken Säugetiere, auch Menschen und besonders Hunde sind davon betroffen. Sie bilden in der Regel das Reservoir, von dem aus Menschen infiziert werden.
„Jetzt haben wir einen menschengemachten chemischen Detektor ‘eNose’ und einen Sandmückendetektor, die Antennen der weiblichen Sandmücke.“ – Gordon Hamilton
In Großbritannien oder auch Deutschland gibt es selten Fälle von Leishmaniose. Hier ist die Krankheit nicht “endemisch”. Es kommt also nur zu Importfällen, zum Beispiel aus dem Urlaub. In Brasilien ist das anders, hier ist die Erkrankung recht häufig. Monica Staniek fragte 2017 und 2018 in der brasilianischen Stadt Governador Valadares HundebesitzerInnen, ob sie von deren Hund eine Blutprobe und ein Büschel Nackenhaare für ihre Forschungszwecke haben dürfe. Diese wurden dann in den nachfolgenden Studien verwendet.
Länder, in denen die innere Leishmaniose heimisch ist, sind rot gefärbt. Weltweit gibt es zwischen 50.000 und 90.000 Neuerkrankungen pro Jahr. (Daten: WHO, Karte: laikaundfreunde.de).
Zurück im Labor
Im Blut suchten die WissenschaftlerInnen nach Genschnipseln des Parasiten, um eine mögliche Infektion nachzuweisen. Aus den Haaren extrahierten sie mit einem Lösungsmittel den Geruch des Hundes, die sogenannten flüchtigen organischen Verbindungen (VOC). Die Sandmücken züchtet die Universität Lancaster selbst, aus Nachkommen von brasilianischen Exemplaren einer etwas weiter nördlicher liegenden Gegend (Jacobina).
Teströhrchen wie im Versuch. Hier mit lebender und toter Raupe für Anophelesmücken aus einem anderen Versuch in einem anderen Labor. George et al., 2014, (CC BY 4.0)
Als Versuchsarena dienten Y-förmige Röhrchen: Jeweils ein Röllchen Filterpapier mit einem kleinen Tröpfchen der zu testenden Substanz steckt in zwei der Enden. In das dritte Ende setzen ExperimentatorInnen eine Mücke, warten drei Minuten und schreiben dann auf, wofür sich die Mücke entschieden hat oder ob sie unentschieden im Startröhrchen hockt.
Bei der Wahl zwischen dem Duft nicht infizierter Hunde und reinem Lösungsmittel, bevorzugten sie das Röhrchen mit dem Hundeduft. Dies galt sowohl für die weiblichen Mücken als auch für die männlichen, die eigentlich gar nicht am Blut als Mahlzeit interessiert sind. Doch dazu später mehr.
Lagen in beiden Ärmchen Duftproben, immer paarweise eines infizierten und eines nicht infizierten Hundes, machten Männchen keinen Unterschied, wohin sie flogen. Die meisten Weibchen hingegen bevorzugten den Geruch eines infizierten Hundes.
Paarung der Mücken und Ausbreitung des Parasiten
Männchen der Sandmücken ernähren sich nicht von Blut. Dennoch werden sie vom Geruch der Säugetiere angezogen. Auf der Haut der Tiere werben die Männchen um Paarungspartner. Kommt dann ein Weibchen hinzu, kann es sich ein Männchen zur Paarung aussuchen und dann direkt nach einer Blutmahlzeit weiterfliegen. In diesem einfachen Paarungsmodell der Sandmücken wählen die Männchen zuerst das Tier aus und die Weibchen kommen dann hinzu.
Staniek und Hamilton schlagen nun vor, dass die weiblichen Mücken auch ohne den Einfluss der Männchen die Hunde auswählen. Da der Parasit den Geruch des Hundes verändert, ziehen die Weibchen zumindest in Abwesenheit von Männchen die infizierten Hunde vor und saugen zunächst dort Blut. Spüren sie nach einer Mahlzeit den Hormonen der Männchen nach, landen sie auch auf einem nicht infizierten Hund und saugen noch einmal Blut. So helfen sie dem Parasiten besser bei der Verbreitung, als wenn sie die Hunde zufällig wählten. Ein solcher Parasit verbreitet sich also weiter als derjenige, der nicht den Geruch zu seinen Gunsten verändert.
Komplett unerwartet ist die Erkenntnis der präsentierten Studie nicht. Es gibt Arbeiten, die auch bei Anophelesmücken eine Bevorzugung von mit Malaria infizierten Menschen beschreiben. Für Leishmaniose hatten Experimente mit Goldhamstern Ähnliches gezeigt. Allerdings kommen Goldhamster in der Natur weder mit Sandmücken noch mit Leishmaniose in Kontakt. Außerdem hatten männliche Mücken keinerlei Interesse an infizierten Hamstern. Diese Ergebnisse sind also weiter von der Realität entfernt, als die jetzt vorgelegte Studie.
Neben dem reinen Verständnis der Übertragung dieser Krankheit könnten die Ergebnisse ganz praktische Anwendungen haben, wenn zum Beispiel Moskitofallen mit Gerüchen versehen werden. Allerdings wird aus der Studie noch nicht klar, ob das außerhalb des Labors, also mit lebendigen Tieren und bei größeren Distanzen und Luftbewegung auch so funktioniert.
Das Mittelmeer hat eine starke Anziehungskraft. Die Länder der Region empfangen etwa ein Viertel des gesamten weltweiten Tourismus. Nicht alle der Touristinnen und Touristen reisen zum Strand, aber doch sehr viele suchen Sonne, Sand und Meer. Und wer dann so unter der Sonne im Sand am Meer sitzt, sieht vielleicht neben Sand und Steinen auch Deckel, Gabeln und Löffel, Strohhalme und Zigarettenkippen. Alle aus haltbarem Plastik, das später in immer kleinere Teile zerbrechen wird, oft ins Wasser gelangt, Schadstoffe abgibt und von Pflanzen und Tieren aufgenommen werden kann. Verantwortlich für den größten Teil des Mülls sind die Touristen, wie eine Untersuchung aus Barcelona nahe legt. Dabei ist es eigentlich nicht schwer, das zu verhindern.
Am Mittelmeer und insbesondere auf den dortigen Inseln ist Tourismus die wirtschaftliche Lebensgrundlage vieler Menschen. Daher gibt es auch ein Interesse daran, diese Quelle des Wohlstands langfristig zu erhalten. Dazu muss man verstehen, welche Bedrohungen es gibt und wie man ihnen begegnen kann. Der EU-Regionalfond fördert verschiedene Projekte für eine nachhaltige Entwicklung im Mittelmeerraum. Zum Beispiel soll BLUEISLANDS den Zusammenhang zwischen dem Tourismus und der Produktion von Müll erkunden.
Mittelmeerkarte mit den Inseln Mallorca, Sizilien, Rab, Malta, Kreta, Mykonos, Rhodos und Zypern.
Michaël Grelaud und Patrizia Ziveri von der Autonomen Universität Barcelona schauten dazu auf Strände der Mittelmeerinseln Mallorca, Sizilien, Rab, Malta, Kreta, Mykonos, Rhodos und Zypern. Von den lokalen Behörden ließen sie zunächst jeweils drei verschiedene Strände auswählen: einen stark touristischen Strand, einen eher von lokalem Publikum besuchten und einen abgelegenen Strand. Dann wurde gesammelt. Mitarbeiter der Behörden liefen über den Strand sammelten Plastikstücke ab einem Millimeter Größe von der Oberfläche. Gegraben haben sie nicht. Den Prozess wiederholten sie mehrmals über das Jahr verteilt. Der gefundene Müll kam dann nach Barcelona und wurde dort sortiert, gezählt und entsorgt. Mehr als zehn Prozent der Fundstücke waren Zigarettenkippen, weitere zehn Prozent sogenanntes Makroplastik, also Müllstücke größer als zweieinhalb Zentimeter.
Der größte Anteil des gefundenen Plastikmülls ist eindeutig an Land entstanden, mehr als im Schiffsverkehr verloren gegangenes Plastik und Teile deren Ursprung nicht erkennbar war. Und wie ändert sich die Menge über das Jahr? Die jahreszeitlichen Schwankungen bergen auf den ersten Blick eine Überraschung: außerhalb der Urlaubssaison liegt mehr Plastikmüll am Strand als sonst, egal welcher Herkunft. Wie kann das sein?
Sauberer Sand und Wasser sind Hauptgründe für die Strandwahl von UrlauberInnen, wie verschiedene Studien gezeigt haben. Daher werden die Strände gereinigt, und zwar vor allem in der Hochsaison. Und je touristischer ein Strand ist, desto wichtiger ist für die Gemeinde ein sauberer Strand. Daher haben Grelaud und Ziveri im nächsten Schritt die letzten Säuberung berücksichtigt. Das Verhältnis der gefundenen Menge zur vergangenen Zeit ist ein Maß für den täglichen Zuwachs an Müll. Und dieser ist nun tatsächlich höher, wenn viele Touristen da sind. An Touristenstränden fällt in der Hochsaison also mehr Müll an, er wird aber häufiger weggeräumt.
Traktor mit Strandreiniger. Hier in Helsinki. Foto: KFP, (CC BY-SA 3.0)
Aufklärung und Reinigung
Über den Schaden, den Plastikmüll im Meer anrichten kann, haben wir schon früher geschrieben. Was kann man nun gegen den Müll tun, der von BesucherInnen am Strand zurückgelassen wird? Vor allem zwei Dinge: vermeiden und beseitigen.
Eine Möglichkeit zur Vermeidung sind Sensibilisierungskampagnen, denn diese können tatsächlich wirksam sein. Nach der Bestandsaufnahme 2017 haben die Kommunen in einem Pilotversuch die BesucherInnen mit Postern, Flyern und MitarbeiterInnen über Quellen und Folgen des Mülls informiert. Außerdem haben sie Aschenbecher verteilt und fehlende Mülltonnen aufgestellt. Nach der Aktion wurde wieder das Plastik gezählt. Und siehe da: die Strandbesucher und Besucherinnen lassen dann tatsächlich weniger Müll liegen. Im Durchschnitt halb so viel wie vor der Kampagne.
Allerdings war der Pilotversuch sehr teuer. Hochgerechnet auf die gesamte Saison würden 111.000 Euro pro Kilometer Strand fällig. Kosten, welche dann die Gemeinden zu tragen hätten. Eine andere Möglichkeit wäre es, den Strand öfter zu reinigen. Da zieht morgens ein Traktor eine Reinigungsmaschine über den Strand, die den Sand siebt. Das könnte aber unterirdische Tierbehausungen zerstören, entfernt zusätzlich natürliches Strandgut wie Algen oder das Neptungras Posidonia und gefährdet dadurch letztendlich die Artenvielfalt am Strand. Wirklich gut erforscht ist die Wirkung solcher Maschinen auf die Ökosysteme aber noch nicht. Selektiver und daher besser wäre wahrscheinlich eine Säuberung per Hand, zumindest zusätzlich zu einer selteneren Reinigung per Maschine.
Melissa Marselle kam als bereits promovierte Wissenschaftlerin aus dem Vereinigten Königreich nach Leipzig zum Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, um dort für eine befristete Zeit zu forschen. So eine Stelle heißt Postdoc-Stelle. In der Arbeitsgruppe Ökosystemleistungen von Professorin Aletta Bonn geht es um den Zusammenhang von Biodiversität und Gesundheit. Gemeinsam kamen sie auf die Idee, Gesundheitsdaten der LIFE-Studie und Baumzählungen des Leipziger Amtes für Stadtgrün und Gewässer zusammen zu bringen und auszuwerten. (Update Sept. 2026: Der Originallink des Datensatzes `https://opendata.leipzig.de/dataset/strassenbaumkataster` ist nicht mehr erreichbar.)
Datenschätze vereint
Mit der LIFE-Studie begann 2011 in Leipzig die bis dahin größte Bestandsaufnahme von Lebensweise und Gesundheit einer städtischen Bevölkerung in Deutschland. Die Befragungen, Untersuchungen und auch Probennahmen von etwa 10.000 Menschen aus Leipzig bergen einen wertvollen Datenschatz, den es in den folgenden Jahren zu heben galt und immer noch gilt. Die umfangreichen Daten enthalten unter anderem den Sozioökonomischen Status (eine Mischung aus Bildung, Anstellungsart und Gehalt) und die Angabe über eingenommene Medikamente. Sie stehen WissenschaftlerInnen wie Melissa Marselle und Aletta Bonn zur Verfügung, um die Rolle der Lebensweise in bestimmten Krankheiten zu erforschen.
Leipzigs Straßenbäume 2020 laut Amt für Stadtgrün und Gewässer. Bäume in Parks sind nicht dabei.
Die Art und der Standort jedes Straßenbaumes in Leipzig hat das Amt für Stadtgrün und Gewässer gezählt und veröffentlicht. 60414 Eschen, Eichen und Linden, Apfel-, Birnen- und Kirschbäume, Kastanien, Kiefern, Fichten und Tannen säumten am 16. März 2020 Leipzigs Straßen. Bäume in Stadtparks, Hinterhöfen oder Privatgärten sind dabei nicht mitgezählt.
Mit diesen Daten und dem freien Kartendienst OpenStreetMap kann für jede Straße genau die Straßenbaumdichte und -vielfalt bestimmt werden. Gemeinsam mit der LIFE-Studie können sich bestehende Zusammenhänge zur Gesundheit der Einwohnerinnen und Einwohner zeigen. Frühere Studien betrachteten nur die Straßenbäume auf Bezirksebene.
Weniger Antidepressiva in Gegenden mit vielen Straßenbäumen
Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen (RKI). Neben Psychotherapie werden auch Medikamente zur Behandlung eingesetzt, daher sind die Verschreibungszahlen von Antidepressiva in einer Gegend ein Maß für die Zahl der dortigen Erkrankungen. So werden Orte miteinander vergleichbar.
In der LIFE-Studie ist der Gesamtanteil derer, die Antidepressiva nehmen, etwa so hoch wie in ganz Deutschland. Das waren 2015 laut Angaben der OECD etwa 5,6%. Der Vergleich mit den Straßenbäumen ergibt, dass in Gegenden Leipzigs mit vielen Straßenbäumen tatsächlich weniger Antidepressiva verschrieben werden. Allerdings ist der Effekt sehr klein. Anders sieht es aus, wenn man nach dem Sozioökonomischen Status unterscheidet. Sozial benachteiligte Menschen erkranken generell häufiger an Depressionen. Wenn aber in unmittelbarer Nähe zum Wohnort viele Straßenbäume stehen, ist die Zahl der Verschreibungen so gering wie bei den anderen Gruppen. Die soziale Ungleichheit verschwindet dann.
Für Marselle war das keine Überraschung: “Es gibt genügend Daten, die einen ähnlichen Effekt zeigen, bei dem die Anzahl der Grünflächen positiv auf die psychische Gesundheit von Menschen mit geringem Sozioökonomischen Status wirkt.” Natur wirke gerade auf die Mechanismen, die bei den Benachteiligten die psychische Gesundheit stärker beeinträchtigt, schreiben die AutorInnen in ihrem Artikel. Vor allem greife der Effekt der sogenannten Wiederherstellung der Aufmerksamkeit (Attention Restoration).
Diese Idee wurde bereits in den 1980er Jahren entwickelt. Marselle: “Elemente der Natur, die faszinierend sind, ziehen mühelos unsere Aufmerksamkeit an sich und erlauben die Wiederherstellung der Konzentrationsfähigkeit”. Dies reduziert Stress. Viele Studien befassen sich mit dieser Wirkung, laut Marselle hätten manche gar gezeigt, dass auch der Anblick von Projektionen oder Fotos Stress reduziert. “Aber der Effekt ist im echten Leben größer”. Luft säubern, vor Lärm und Hitze schützen, zu Bewegung anregen und den sozialen Zusammenhalt stimulieren kann Natur auch, das fördert zusätzlich die Gesundheit, aber eine Fototapete kann das nicht.
Was Melissa Marselle überraschte, war der fehlende Einfluss der Baumvielfalt. Den untersuchten die WissenschaftlerInnen in der Studie auch, aber es machte keinen Unterschied für die Verschreibungszahlen, ob in allen Straßen des Viertels Platanen stehen oder sich Ahorne, Buchen, Robinien und Pflaumenbäume abwechseln. Einzig mit der Menge der Bäume verringern sich die Verschreibungen.
In der Studie sind generell nur Art und Standort der Straßenbäume berücksichtigt, nicht aber das Alter oder die Größe der Bäume. Auch die Nähe zu Parks oder Grünanlagen wurden ausgeklammert. Trotzdem: “Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass Straßenbäume dazu beitragen können, die Lücke der gesundheitlichen Ungleichheit zu schließen”, sagte Marselle. Und neue Straßenbäume sind einfacher zu verwirklichen als ein neuer Stadtpark.
Fossilien von Dinosauriern in Irlands Boden sind unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen. Fundstücke aus den achtziger Jahren wurden jetzt offiziell und zweifelsfrei den Dinosauriern zugeordnet.
Michael Simms, National Museum Nordirland, präsentiert die beiden Fossilien (links das Schienbein, rechts der Oberschenkel)
Am Anfang des Erdmittelalters, vor 252 Millionen Jahren, steht das größte Artensterben der Erdgeschichte. Aus allen Lebensräumen verschwanden die unterschiedlichsten Tierarten, selbst viele Pflanzenarten konnten sich nicht schnell genug anpassen. Auch die bereits bestehenden Reptilien litten massiv unter den Veränderungen, wenngleich sie sich als Krisengewinner herausstellen sollten. In der folgenden Zeit bildete sich eine Vielzahl von Reptilienarten heraus, unter ihnen die Dinosaurier, welche über 150 Millionen Jahre die Tierwelt dominieren sollten.
In der Frühzeit der Dinosaurier begann die Trennung des Urkontinents Pangäa: Laurasia im Norden und Gondwana im Süden. Dazwischen lag das relativ flache Tethysmeer. Das, was heute Europa und Irland ist, war entweder von Wasser bedeckt oder ragte als Insel heraus. Ablagerungen aus Irlands Zeit als Insel liegen an der Küste im Norden offen zutage. Das Klima war damals warm und eher trocken, nicht die besten Voraussetzungen für Dinosaurier. Außerdem erhalten sich Knochen hier schlecht. Viel später war Irland dann von Wasser bedeckt, der Kalkstein vom Meeresboden liegt auch offen an der Küste. Aber im Wasser lebten keine Dinosaurier, nur Fischsaurier. Was in Irland fehlt, ist Boden aus der Blütezeit der Dinosaurier und somit auch deren versteinerte Reste.
Das Erdmittelalter endete vor 66 Millionen Jahren so, wie es begonnen hatte: mit einem massiven Artensterben. Bis auf die Vorfahren der Vögel hat das nicht eine einzige Dinosaurierart überlebt.
Geologie an der Küste Nordirlands: Drei sichtbare Schichten von der Küste Nordirlands: Roter Lehm aus dem späten Trias, der Anfangszeit der Dinosaurier. Warm und trocken. Weißer Kalkstein vom Grund des Meeres aus der späten Kreidezeit. Oben auf: schwarzes Vulkangestein aus dem frühen Paläogen, nach dem Aussterben der Dinosaurier. Fossilien in Vulkangestein sind selten, aber nicht unmöglich, wie dieses 16 Millionen Jahre alte Nashorn zeigt.
Hobbysammler findet Knochen vom Dinosaurier
Roger Byrne aus Jordanstown war hauptberuflich Lehrer. In seiner Freizeit suchte, fand und sammelte er Fossilien. 1980 fand er an der Küste von Islandmagee in Nordirland etwas, von dem er Dinosaurierreste vermutete. Ende der achtziger Jahre brachte er das Stück ins Ulster Museum in Belfast zu Robin Reid. Reid, damals einziger Experte für Dinosaurier in Nordirland, teilte die Einschätzung Byrnes.
Roger Byrne im Burren, Co. Clare (Foto: Deirdre Byrne).
So titelt der Belfast Telegraph dann am 27. Juni 1989: “Erster Irischer Dinosaurierknochen”. Und obwohl sich Reid laut Telegraph von der Expertin Angela Milner in London eine zweite Meinung eingeholt hatte, wurde damals keine offizielle wissenschaftliche Bestimmung veröffentlicht. Wenig später ging Robin Reid in Rente und der versteinerte Knochen gerät ein zweites Mal in Vergessenheit, wenn auch vergleichsweise kurz.
2004 bringt Roger Byrne dann ein weiteres Fossil ins Ulster Museum. Auch hier vermutete er einen Dinosaurier als Ursprung des Fossils. Seit 1996 arbeitet Michael Simms als Kurator im Museum. Er sagt: “Roger hatte ein sehr gutes Auge, versteinerte Knochen zu erkennen.” Der Strand am Fundort ist mit Geröll aus Basalt bedeckt. “Das sind kleine, schwarze Steinchen und die Knochen sind kleine, schwarze Steinchen. Sie haben ein leicht anderes Schwarz, eine andere Oberfläche. Roger erkannte: das waren Knochen.”
So kommen die Steine erneut ins Rollen. Simms nimmt dieses und das bereits bekannte Fossil sowie zwei weitere Stücke aus der Sammlung mit nach London ins Museum. Er vergleicht sie mit Knochen der dortigen Sammlung und erhält so eine Vorstellung davon, zu welcher Dinosaurierart die Knochen gehört haben könnten. “Aber ich bin kein Experte für Dinosaurier”, sagt er. Sein Fachgebiet sind Fossilien von Ammoniten und Crinoiden. “Unter keinen Umständen könnte ich einen Artikel mit ausreichend Autorität und Expertise schreiben. Und die meisten Dinosaurierexperten haben Wichtigeres zu tun”
Es dauert also noch ein paar weitere Jahre bis Simms mit den richtigen Kollegen (von der Universität Portsmouth und der Queen’s University Belfast) die sorgfältige Untersuchung und zweifelsfreie Bestimmung abschließt und den Aufsatz fertig formuliert. Seit Herbst 2020 ist es nun offiziell: irische Dinosaurier! Roger Byrne starb leider schon im April 2007 mit 64 Jahren. Als Mitautor steht sein Name nun mit auf der wissenschaftlichen Veröffentlichung. Die beiden Fossilien, die er an der Küste Nordirlands fand, sind ein versteinerter Oberschenkel, vermutlich von einem Scelidosaurus, und ein versteinertes Schienbein von einem Verwandten der Sarcosaurier oder der Megalosauroiden. Die Fossilien stammen aus der Anfangszeit der Dinosaurier, dem frühen Jura vor rund 200 Millionen Jahren.
Vor starker Brandung geschützte Küsten in tropischen Breiten, mit leichtem Gefälle und wassergetränktem Boden, reich an Salz und arm an Sauerstoff: die Heimat von Mangroven. Ökosysteme aus Bäumen, Sträuchern und Farnen im Grenzgebiet zwischen Land und Meer. Über Luftwurzeln atmet der unterirdische Teil, der die Mangrovenbäume verankert. Die komplexen Wurzelsysteme sind effektive Filter für großen und kleinen Plastikmüll.
Das Schicksal der Kunststoffe
Von 1950 bis 2015 wurden weltweit 8300 Millionen Tonnen Plastik produziert. Davon sind noch 30% in Benutzung, 10% wurden verbrannt, 60% liegen irgendwo herum.
Seit die industrielle Produktion von Kunststoff in den 1950ern Jahren Fahrt aufnahm, wächst der Ausstoß exponentiell. Jedes Jahr produzieren wir 8.4% mehr als im Vorjahr. Bis 2015 haben wir so mehr als 8 Milliarden Tonnen in Umlauf gebracht, davon sind heute noch schätzungsweise 30% in Benutzung und 10% wurden verbrannt. Die restlichen 60% liegen irgendwo herum (Geyer, 2017). Im besten Fall lagern sie auf kontrollierten Müllhalden, doch leider findet ein Teil seinen Weg in die Meere. Wie viel genau und was damit geschieht sind Fragen, die nicht so einfach zu beantworten sind.
Cecilia Martin ging diesen Fragen im Rahmen ihrer kürzlich abgeschlossenen Doktorarbeit nach. Sie widmete sich vor allem dem Roten Meer, ein nährstoffarmes Meer mit wenig Regen und ohne Flussmündungen, weshalb das Wasser sehr salzig ist. “Daher sind die Mangrovenbäume sehr klein. Tatsächlich werden sie Zwergbäume genannt”, so Martin.
Als Erstes untersuchte sie die Plastikmenge im Oberflächenwasser und fand erstaunlich wenig. Weniger als ein Hundertstel dessen, was im Mittelmeer zu finden ist (Martí, 2017). Allerdings wohnen am Roten Meer weniger Menschen, es gibt weniger Tourismus und weniger Flüsse bedeuten weniger Einfluss. Als Nächstes schaute sie sich die Küsten an. Großen, auffälligen Müll wie Tüten, Kisten und Trinkflaschen, Bojen, Netze, Schuhe und Deckel fand sie am Strand. Besonders in dichter Vegetation, die den Müll vor dem Wind schützt. Daher verfängt sich solch Makroplastik auch gut in den Luftwurzeln der Mangrovenwälder.
Makroplastik gefangen in Mangrovenwurzeln. Links im Roten Meer und rechts im Persischen Golf. (Fotos: aus Martin, 2019 (CC BY))
Die Kunststoffteile aber, die im Meer bleiben oder dahin zurück wehen, zerbrechen mit der Zeit zu Mikroplastik. So heißen Stückchen, die kleiner als 5 Millimeter sind. Dazu gehören auch Fasern aus Kleidungsstücken, Abrieb von Autoreifen oder Plastikpellets aus der Kunststoffproduktion. Verschiedenen Studien zufolge schwimmt im Meer aber viel weniger Mikroplastik, als zu erwarten wäre (van Sebille 2015). Wo ist es hin, wird es von Tieren aufgenommen oder von Bakterien zersetzt, sinkt es in tieferes Wasser ab oder wird es im Meeresboden eingelagert?
“Das ist eine Frage, die wir nicht vollständig beantworten konnten.”, so Cecilia Martin. Sie könne nicht sagen, wie viel jeder einzelne Teil beiträgt. Auf jeden Fall sind Mangrovenwälder sehr effektiv beim Filtern des Mikroplastiks (Martin, 2020). Sie bohrte mit KollegInnen die Böden an und fand in den bis zu einen Meter langen Bohrkernen überall Mikroplastik, bis hinunter zu den Schichten aus dem Jahr 1950. Hochgerechnet auf alle Mangrovenwälder des Roten Meers lagern dort 50 Tonnen Plastik im Boden. Sie haben aber nur einen sehr kleinen Anteil an der Gesamtfläche des Roten Meeres, kleiner als 0.03%.
Cecilia Martin und viele andere gehen davon aus, dass noch viel mehr Mikroplastik tief im Meer ablagert. Im Roten Meer wurde das noch nicht untersucht aber vor der Küste Kaliforniens. Jennifer Brandon vom Scripps Institut in San Diego schaute mit ihren KollegInnen in den Boden in fünfhundert Metern Tiefe vor Santa Barbara. Auch sie fand Mikroplastik in allen Schichten bis zu jenen vom Beginn der Kunststoffproduktion (Brandon, 2019).
Und wie sich zeigt, wächst die jährlich eingelagerte Menge Plastik in den Mangroven des Roten Meers wie in den Tiefen Kaliforniens exponentiell. Mit jeweils 8.4% mehr als im Vorjahr folgen die Kurven sehr gut der weltweiten Kunststoffproduktion. Der Kunststoff ist im Boden also langfristig gebunden.
Verschiedene Stückchen Mikroplastik aus dem Meeresboden vor Santa Barbara, Kalifornien. 500 µm entsprechen einem halben Millimeter. (Foto: aus Brandon et al., 2019 )
Umweltschäden durch Mikroplastik
Während zum Beispiel Bilder von Schildkröten gefangen in Sixpack-Trägern dramatische Alarmzeichen sind, ist die Gefahr von Mikroplastik für die Umwelt weit weniger offensichtlich und weniger bekannt.
Korallen bleichen in mit Mikroplastik verschmutztem Wasser aus und sterben teilweise ab. Das zeigte Jessica Reichert mit KollegInnen an der Justus-Liebig-Universität Giessen. In dem Wasser verbrauchten die Korallen mehr Energie und dadurch werden sie wahrscheinlich anfälliger für andere Stressfaktoren wie Parasiten oder Krankheiten erregende Bakterien (Reichert, 2019). “Diese kommen in geringen Konzentrationen immer im Wasser vor, stehen aber mit den ‘gesunden’ Bakterien im Gleichgewicht,” sagt sie uns. “Das Plastik bietet Bakterien jedoch eine neue Oberfläche auf der sie sich vermehren können” und davon können dann Krankheitserreger profitieren (Kirstein, 2016). Aber auch Fische können sehr kleinen Plastikmüll aufnehmen und der findet sich dann nicht nur im Verdauungstrakt. Bis in die Leber und ins Gehirn konnte das Mikroplastik vordringen (Ding, 2018). Über langfristige Wirkungen ist noch wenig bekannt.
Insofern ist die Einlagerung im Meeresboden, in Mangrovenwäldern und anderswo, ein gutes Zeichen. Zwar gibt es noch keine Studien über die Auswirkungen des Plastiks auf Mangroven, aber “was wir in unserer Studie gesehen haben ist, dass Plastik, einmal gefangen, für Jahrzehnte dort bleibt”, so Cecilia Martin. Das Plastik wird der Nahrungskette entzogen und richtet hoffentlich keinen Schaden mehr an.
Planeten und Kometen im Transit (um andere Sterne)
Manchmal ist das richtige Instrument ein Milliarden Dollar teurer Satellit in einer Erdumlaufbahn und manchmal ist es ein selbst gebautes Fernrohr in der Garage, repariert mit Bienenwachs und Unterlegscheiben.”
David Charbonneau, Doktorarbeit (2001)
Planeten anderer Sterne kann man auf verschiedene Arten entdecken. Sie direkt im Teleskop zu betrachten, gelingt nur selten. Einfacher ist es, die vorübergehende Verdunklung eines Sternes zu beobachten, wenn der Planet vor seinem Stern vorbeizieht: ein sogenannter Transit. Diese Idee beschrieb Astronom Otto Struve 1952 zum ersten Mal, doch es dauerte noch fast fünfzig Jahre bis zur tatsächlichen Beobachtung.
Die Planeten verschlucken im Vorbeigehen nur ganz wenig des Lichts, daher sind Beobachtungen durch das Flimmern der Erdatmosphäre sehr schwer. Auch kann ein einzelnes Teleskop keine Transits erkennen, die länger als eine Nacht dauern. Einen Ausweg bieten Observatorien im Weltall.
Damit es zu einem Transit kommt, muss die Umlaufbahn des Planeten mit der Erde in einer Ebene liegen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nicht sehr groß (siehe auch hier), deshalb ist es bei der Suche am besten, möglichst viele Sterne gleichzeitig für möglichst lange Zeiten zu beobachten. Drei Satelliten sind bisher zum Zweck Planetensuche in Erdumlaufbahnen aufgebrochen. Drei Missionen mit unterschiedlicher Technik, verschiedenen Himmelsausschnitten im Visier und mit jeweils anderen Beobachtungsdauern.
CoRoT, der erste von ihnen, wurde um das Jahr 2000 erdacht, 2006 startete er zu seiner Mission. Jeweils für ein paar Monate beobachtete er wechselnde Himmelsauschnitte und zeichnete bis zum Ruhestand in 2014 die Transits von 33 Planeten auf. Kepler begann seine Mission 2009. Im Gegensatz zu CoRoT richtete er sein Auge vier Jahre lang fest auf eine Himmelsregion im Sternbild Schwan. Leider fielen dann Teile seiner Steuerung aus und Kepler musste seine Mission ändern. Bis dahin hatte Kepler schon Transits von über Tausend Planeten aufgezeichnet.
TESS, das bislang letzte Weltraum-Observatorium auf Planetensuche begann 2018 mit der Arbeit. Vier Kameras tasten den Himmel streifenförmig ab. Alle 27 Tage wird der Bildausschnitt verschoben, zunächst den Südhimmel entlang, dann den Nordhimmel. Da sich die Streifen an den Polen überlappen, ergeben sich dort Beobachtungszeiten von bis zu 351 Tagen. Die Hauptmission endete im Juli 2020, jetzt beginnt TESS, den Südhimmel erneut abzutasten. Die Auswertung der Daten wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen. Fast siebzig Planeten wurden in den Daten bereits gefunden. Außerdem haben sich noch weitere Entdeckungen versteckt.
Kometen im Transit
Auch Kometen umkreisen andere Sterne. Da sie in der Nähe des Zentralgestirns einen Schweif bilden, sind ihre Schatten nicht so gleichförmig wie die von Planeten. Die Helligkeit des Sternes nimmt bei einem solchen Transit einen ganz besonderen Verlauf. Diesen berechnete Alain Lecavelier des Etangs mit KollegInnen 1998 aus ein paar theoretischen Annahmen.
Im Idealfall ist ein Kometentransit von dem eines Planeten gut zu unterscheiden: Der Stern verdunkelt rasch, wenn der Kometenkern seinen Schatten auf die Erde wirft. Folgt der Schweif, wird das Licht noch etwas dunkler, aber nicht mehr so schnell. Das Ende des Kometentransits ist genauso, erst wird der Stern schnell heller, bis der Kern den Lichtschein verlassen hat. Wenn der Schweif das Licht nach und nach freigibt, kehrt der Stern eher langsam zu seiner normalen Helligkeit zurück.
Die Wiederholung eines Versuchs ist gescheitert: Erbsen lernen nicht aus der Windrichtung die kommende Richtung des Lichts zu schließen (Markel, eLife (2020)). Trotz größerer Pflanzenzahl und trotz verbesserter Methodik hat sich die sensationelle Behauptung von 2016 nicht bestätigt.
Kosmischer Staub ist sehr fein. Fein und vereist. Aber nicht nur das. Entgegen bisheriger Annahmen ist er auch hochgradig verästelt. Dies hat Folgen für die Weltraumchemie.
Große organische Moleküle gibt es nicht nur auf der Erde. Methan, Methanol und Alkohol findet man in manch interstellarer Wolke, Aminosäuren, die Bausteine aller Proteine, auf Meteoriten und sogar auf dem Kometen „Tschuri“. Doch der Weltraum ist oft zu kalt und zu leer für einzelne Atome, um sich nahe genug zu kommen und größere Moleküle zu bilden. Hinzu kommt starke ionisierende Strahlung, die viele Moleküle schnell wieder zerstört. Wie können sich dann überhaupt Aminosäuren und andere organische Verbindungen im Weltraum bilden?
WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass kosmische Staubkörner, insbesondere von Eis umgebene, kleine Chemielabore sind. Sie fangen Atome ein, bringen diese einander näher und erleichtern deren Reaktion. Ohne solche Labore gäbe es im Weltall neben einzelnen Atomen nur kleinere Moleküle.
Wie sich nun herausstellt sind die Staubkörner aber keine kompakten Steinchen, die zwiebelschalenmäßig von Eis umhüllt sind. Stattdessen ist der Staub porös und verästelt und das Eis verteilt sich darin über die einzelnen Poren des Staubes (Potapov (2020)), wie eine kleine Menge Butter auf einem Toast. So vergleicht es der Erstautor der Studie Alexey Potapov von der Universität Jena gegenüber dem Online-Magazin der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft.
Vereiste Staubkörner: Statt wie gedacht kompakt und von Eisschichten umgeben (links) ist der Staub verästelt und porös. Das Eis besteht aus einzelnen Inseln (rechts).
“Analogstaub” mit Eis wird erhitzt
Die meisten Staubkörner im Weltall sind aus Quarz wie der meiste irdische Sand oder aus Kohlenstoff. Im aktuellen Experiment beschossen die ForscherInnen Graphit mit Laserblitzen. Der herausgeschlagene Kohlenstoff wird auf ein glatte Flächen gelenkt, wo er sich wieder ansammelt. Dabei bilden sich keine kompakten Graphitblöcke, sondern poröse, verzweigte Fusseln, fast so wie der Staub unter meinem Bett.
Dann kommt Eis hinzu: Extrem kaltes Kohlenmonoxid, in der Apparatur sind es jetzt etwa minus 265 Grad Celsius, überfriert den “Analogstaub”. Zusätzlich bekommt eine nackte Probe ohne Staub die Eisbehandlung. Sie dient zum Vergleich, denn auf glatten Flächen bildet das Eis garantiert kompakte Decken.
Schließlich werden die Proben pro Minute um genau zwei Grad erwärmt und dabei entstehendes Gas wird abgesaugt und vermessen.
Zu Beginn bleibt alles gleich. Nach etwa zehn Minuten, in der Experimentierkammer sind es inzwischen komfortable 240 Grad unter Null, schlägt der Gasdetektor aus: Das Eis verdampft und zwar mit jeder Minute schneller.
An der ausströmenden Menge kann man nun erkennen, ob sie von einer geschlossenen Eisschicht kommt oder nicht: Eisdecken produzieren in einer bestimmten Zeit, sagen wir in der elften oder zwölften Minute, gleich viel Gas, egal wie dick sie sind. Bei verteilten Eisinseln ist das nicht so: je mehr Inseln, also je mehr Eis insgesamt, desto mehr Gas strömt aus. Das liegt daran, dass das Eis an der Oberfläche verdampft und diese ist bei der geschlossenen Decke immer gleich, unabhängig von der Dicke. Verteiltes Eis hat mit größerer Menge aber auch eine größere Oberfläche.
Umbau im kosmischen Chemielabor
Die Verästelung hat Folgen für die Astrochemie denn die Atome und kleinen Moleküle, die vom Staub eingefangen wurden, spielen auf einem anderen Feld als bisher gedacht. Das ändert die Regeln und zwar hin zu einem schnelleren Spiel. Gezeigt haben das die ForscherInnen in einem anderen Experiment, dessen Ergebnisse sie im Sommer 2019 veröffentlichten (Potapov (2019)).
Da beobachteten sie ein Eisgemisch aus Kohlendioxid und Ammoniak, zwei relativ kleine, im Weltraum häufig vorkommende Moleküle, und verglichen wie schnell diese miteinander reagieren: in geschlossenen Eisschichten und verteilt in porösem Staub. Vier Stunden lang bei minus 190 Grad Celsius.
Die anschließende Inventur zeigte, dass auf der glatten Fläche die Eismenge keine Rolle für die Schnelligkeit der Reaktion spielt. Ist die gleiche Menge Eis jedoch in kleinen Inseln über die vielen Löcher des porösen Analogstaubs verteilt, können sich die Moleküle im besten Fall mehr als doppelt so schnell verbinden. Frei liegende Flächen des Staubes und die verteilte Form des Eises beschleunigen die Reaktion.
So ergibt sich für die Bildung von Molekülen im Weltall ein neuer Weg, ein Weg der bislang nicht berücksichtigt wurde. Das könnte der Astrochemie neue Impulse geben.
Modernes “Bush Tucker”, wie es die Tourismuskommission des Northern Territory bewirbt
Die Wiege des modernen Menschen liegt in Afrika. Hier wurden die ältesten Steinwerkzeuge gefunden, hier hat die Nutzung des Feuers begonnen und hier nahm die Besiedlung der Erde vor mehr als 200.000 Jahren ihren Anfang. Wann genau und welchen Weg sie nahmen, wie die Menschen lebten und wovon sie sich ernährten ist ein riesiges Puzzle mit vielen fehlenden Teilen.
Zu dem Bereich des Puzzles der die Besiedlung Australiens zeigt, wurde Anfang des Jahres ein weiteres Teil hinzugefügt: an einer uralten menschlichen Feuerstelle im Kakadu-Nationalpark im hohen Norden des Landes lagen verkohlte Reste pflanzlicher Nahrung, die auch heute noch in der Gegend zu finden sind (Florin, 2020).
Während der Ausbreitung des Menschen schwankte das Weltklima zwischen Warm- und Kaltzeiten mit wechselnder Vereisung und veränderlichem Meeresspiegel. Meist stand das Meer niedriger als heute und Australien formte mit den größeren Inseln im Norden die vereinte Landmasse Sahul. Diese wurde irgendwann von Südostasien her besiedelt. Der Ort der ersten Übernachtung und des allerersten Frühstücks auf australischem Boden liegt heute mit großer Wahrscheinlichkeit unter Wasser.
Bei niedrigem Meeresspiegel formten Australien und die Inseln im Norden eine Landmasse: Sahul. Die Karte zeigt die derzeitige Küste als schwarze Linie, in Abstufungen frühere Küstenlinien bei heutigen Meerestiefen von 40m, 80m und 120m. Sunda ist das frühere Festland Südostasiens, Wallacea die Inseln dazwischen.
Ausgrabungen
Im Norden Australiens, fünfzig Kilometer von der Küste entfernt, bildet die Wand eines Sandsteinmassivs einen Überhang: Madjedbebe bietet auf fünfzig Metern Länge und fünf Metern Breite Schutz vor der Witterung, die Wände sind mit einer Vielzahl von Felsenmalereien dekoriert. Darunter sind Bilder von Gewehren und Schiffen aus der Zeit der Kolonisation durch Europäer.
Der Fußboden besteht aus einer mehr als vier Meter dicken Sandschicht, die sich in den letzten hunderttausend Jahren dort angesammelt hat. Seit den 1970ern wurden in mehreren Bohrungen und Ausgrabungen große Mengen sehr alter Spuren menschlicher Nutzung ans Licht gebracht. Neben Steinwerkzeugen auch Feuerstellen, an denen kleine, verkohlte Pflanzenreste bis heute überdauert haben.
Um solche Reste aus großen Sandmengen herauszufischen, vermengen ArchäologInnen den ausgegrabenen Sand mit Wasser. Steine und Sand sinken nach unten, die Pflanzenreste schwimmen an der Oberfläche. Sie können abgeschöpft und genauer untersucht werden. Seit Anfang der 1960er Jahre wird diese Flotation genannte Methode verwendet und verfeinert, heute oft mit fassgroßen Tanks. Die sind relativ leicht zu bauen und können große Mengen Sand verarbeiten.
Anna Florin arbeitet an der Universität Queensland an ihrer Doktorarbeit. Bei Ausgrabungen in Madjedbebe benutzte die Flotations-Tanks für den Sand. “Als mir klar wurde, dass wir Reste pflanzlicher Nahrung aus den frühesten Phasen menschlicher Bewohnung hatten, die identifiziert werden können, wusste ich, dass dies die Leute interessieren wird”, so erinnert sie sich. “Es gibt weltweit kaum Nachweise für die Nutzung von Pflanzen in der Ernährung früher Menschen” und dies seien die ältesten Spuren von Populationen, die nach Australien einwanderten.
Und was aßen die Vorfahren in Madjedbebe? Im Sand der Ausgrabungen fand Anna Florin mehr als eintausend verkohlte Pflanzenreste. Zu deren Identifikation braucht sie Vergleichsmaterial, das sie gemeinsam mit May Nango und Djaykuk Djandjomerr einsammelte. Nango und Djandjomerr sind vom Volk der Mirrar, das in der Gegend zuhause ist. Sie kennen die essbaren unter den lokalen Wildpflanzen, die Florin dann unterm Mikroskop im Labor mit den Funden verglich.
Anhand der Struktur erkannte sie verschiedene Pflanzen: Früchte aus der Cashewfamilie, Teile von Palmenstämmen und Teile aus dem Inneren von Speicherorganen wie der Yamswurzel. Nicht alles davon kann direkt von der Hand in den Mund gegessen werden. Daher zeigten Nango und Djandjomerr auch, welche Teile wie geschält, geröstet oder gestampft werden müssen, um genießbar zu werden. Es sind nicht alles leicht zugängliche Nahrungsquellen, die in Madjedbebe vor langer Zeit auf den Tisch kamen.
Allgemein populär ist das Bild von Steinzeitmenschen, die Unmengen von Fleisch vertilgen. Auch in der Archäologie hatte der Fokus auf Fleisch die pflanzliche Nahrung lange in den Schatten gestellt. Inzwischen haben sich der Fokus und das Gesamtbild erweitert. Aus Afrika kennt man 170.000 Jahre alte Reste von gekochtem, stärkehaltigen Wurzelgemüse (Wadley, 2020) und Hülsenfrüchte wurden schon vor 60.000 Jahren in Israel verzehrt (Lev, 2005), obwohl diese wegen der enthaltenen Gifte verarbeitet werden müssen.
Einige der in Madjedbebe verzehrten Pflanzen (von links nach rechts): man-mobban oder billygoat plum (Gattung Myrobalanen), man-dudjmi oder green plum (Buchanania der Cashew-Familie), karrbarda oder long yam (Yams). (Fotos: Universität Queensland)
Out-of-Africa-Theorie
Aber warum ist die Frage nach der Steinzeitdiät überhaupt interessant? Die Antwort bedient nicht nur die reine Neugier auf die Lebensweise unserer Vorfahren. Sie kann auch dabei helfen, den Weg der Menschen von Afrika in den Rest der Welt nachzugehen.
Waren es erschöpfte Quellen leicht zugänglicher Nahrung aus dem Meer, welche die Menschen schnell weiter zu bislang unerschlossenen Gebieten trieben oder waren Menschen schon sehr früh flexibel genug, um unter unterschiedlichsten Bedingungen jenseits der Küste zu leben? Bestand die Speisekarte aus wenigen aber hoch energetischen Zutaten oder war sie vielseitig und erforderte teilweise komplexe Zubereitungsmethoden?
Diese Fragen sind noch nicht eindeutig beantwortet. Aber die Funde in Madjedbebe weisen auf ein breites Nahrungsangebot hin. Sie zeigen, dass die BewohnerInnen komplexe Zubereitungen beherrschten und diese Methoden weitergaben. Die Tierwelt zwischen Südostasien und Nordsahul ist sehr verschieden. Das verlangte von den Pionieren wahrscheinlich, neue Jagd- und Fangmethoden zu entwickeln. Die Pflanzenwelt hingegen ist viel kontinuierlicher. Methoden die sich auf der einen Seite der Meerenge bewährt hatten, sollten auch auf der anderen Seite erfolgreich sein.
Die Idee einer schnellen Ausbreitung entlang der Küsten ist durch die Funde nicht widerlegt. Aber sie zeigen, dass der Druck weiterziehen zu müssen, wenn reichhaltige Jagdgründe erschöpft sind, gar nicht so stark ist, wie früher angenommen.
Der Ausbreitungsweg des Modernen Menschen mit groben Zeitangaben. Mit dabei das Verbreitungsgebiet des Neandertalers (orange) und des Homo erectus (gelb). (Aus Wikipedia)
Alter und Kontroverse
Die verkohlten Pflanzenreste von Madjedbebe ruhten in zwei bis zweieinhalb Metern Tiefe, in der untersten Schicht menschlicher Nutzung der Höhle. Der Sand lag zum letzten Mal vor ungefähr 53.000 bis 65.000 Jahren in der Sonne, dies ergab die Methode der Luminiszenzdatierung. Sind deshalb die Pflanzenreste ebenso alt? Anna Florin und ihre KollegInnen gehen davon aus und sehen in den Funden die bislang ältesten bekannten menschlichen Spuren auf dem australischen Kontinent. Kritik an diesen Zahlen gibt es aber, seit die Datierungen 1990 erstmals in den Raum gestellt wurden (Roberts, 1990).
Tatsächlich fällt das Alter nicht nur ein bisschen aus der Reihe sondern ist um zehn- bis zwanzigtausend Jahre größer, als andere und weniger umstrittene Funde in Australien. Die KritikerInnen äußern vor allem zwei Punkte, die dazu führen, dass der umgebende Sand nicht das Alter des gefundenen Objekts wiedergibt.
Termitenhügel im Arnhemland, NT, Australien. (Foto: CSIRO, CC BY 3.0)
Zum einen können die Bewohner selbst die Verursacher sein: verliert man am Strand seinen Schlüssel, wird dieser durchs Drüberlaufen immer tiefer eingearbeitet. Das gleiche gilt für Steinwerkzeuge oder Essensreste. Schon die Autoren von 1990 halten dagegen, dass der Sand in Madjedbebe zu hart sei, um die Fundstücke großartig zu deplatzieren. Neben herumtrampelnden Menschen können auch Termiten die Archäologen in die Irre führen. Termiten sortieren über längere Zeiträume hinweg den Boden großräumig um, nehmen feine Sandkörner heraus und transportieren sie nach oben. Sie hinterlassen dabei laut einer Arbeit aus dem Jahr 2019 ein charakteristisches Muster aus feinem über grobem Sand, was Madjedbebe aber nicht existiert (Smith, 2019).
Einige der ursprünglich kritischen Stimmen haben sich überzeugen lassen, jedoch nicht alle. Prominente Kritiker wie Jim Allen und James O’Connell gehen weiterhin von einer Besiedlung vor maximal 51.000 Jahren aus. Genetischen Untersuchungen zur Verwandtschaft, eine der neuesten Methoden der Archäologie, lassen beide Interpretationen zu. Sie zeigen nur, dass sich die Vorfahren der Aborigines Australiens und Papua-Neuguineas vor 51.000 bis 70.000 Jahren von anderen Menschen abspalteten und ihren eigenen Weg gingen. Wo es passierte, kann heute niemand sagen.
Orion am 22.2.2012 (links) und am 21.2.2020 (rechts)
Beteigeuze ist ein veränderlicher Stern im Orion, dessen Helligkeit mehr oder weniger regelmäßig schwankt. Als seine Leuchtkraft im Januar 2020 stärker abfiel als üblich, erregte Beteigeuzes Wechselhaftigkeit große Aufmerksamkeit. Manche Beobachter hielten die Verdunklung sogar für ein Zeichen seines baldigen Endes, eine Supernova in der geringen Entfernung Beteigeuzes wäre ein beeindruckendes Spektakel.
Dazu kam es bisher nicht. Die Helligkeit steigt seit Anfang Februar wieder an und die Verdunklung kam laut einer Pressemitteilung der Europäischen Südsternwarte ESO wahrscheinlich durch ausgeworfene Masse oder durch kühlere Bereiche auf der Sternenoberfläche zustande.
Die Variabilität Beteigeuzes ist der modernen Astronomie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. Die erste schriftliche Erwähnung ist von John Herschel aus dem Jahr 1840. Es gibt jedoch ältere, nicht schriftliche Zeugnisse. In den mündlichen Überlieferungen Australischer Aborigines fand Duane Hamacher zusammen mit Doktorand Trevor Leaman die Beschreibung der veränderlichen Sterne Beteigeuze und Aldebaran.
Am australischen Himmel steht Orion, bzw. Nyeeruna auf dem Kopf. Der Schild des Orion bildet die Dingowelpen. Die Yugarilya Schwestern werden durch die Plejaden dargestellt, während die älteste Schwester Kambugudha durch den V-förmigen Teil der Hyaden gebildet wird. Dingovater Babba ist nicht eindeutig identifiziert, Bates nennt nur die Hörner des Stiers. (Illustration: Stellarium & N. Komin)
Nyeeruna und die Yugarilya Schwestern
Die Kokatha sind Australische Aborigines am Ostrand der Großen Victoria-Wüste. Sie erzählen, wie Nyeeruna (Orion) in Ockerbemalung und mit Federkopfschmuck den Yugarilya Schwestern (Plejaden) nachstellt. Die älteste Schwester Kambugudha, dargestellt durch den V-förmigen Teil im Sternbild Stier, stellt sich ihm entgegen, platziert Dingowelpen zwischen sich und den Mann und verspottet ihn.
Wütend, aber voller Lust füllt Nyeeruna den Knüppel in seiner rechten Hand (Beteigeuze) mit “Feuermagie”, um diese auf Kambugudha loszulassen. Aber auch sie verfügt über “Feuermagie”, in ihrem linken Fuß (Aldebaran). Drohend erhebt Kambugudha den Fuß gegen Nyeeruna. Gedemütigt und verängstigt verliert seine “Feuermagie” an Kraft.
Mit der Zeit erholt sich Nyeerunas Magie. Sein Feuer und seine Lust entzünden sich erneut, der Knüppel füllt sich ein weiteres Mal mit Magie und der Angreifer setzt die Verfolgung der Schwestern fort. Diesmal ruft Kambugudha den Dingovater Babba an. Babba drängt schließlich Nyeeruna zurück. Vom Gelächter und Spott Kambugudhas erniedrigt, verringert sich die Magie aufs Neue.
Schriftlich festgehalten hat die Überlieferung Daisy Bates am Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie vermutete die “Strahlung von Nebeln” als Ursache für das Aufflammen der Lust. Das deutet darauf hin, dass ihr die Veränderlichkeit Beteigeuzes nicht bekannt war. Erst Hamacher und Leaman erkennen die Natur des Sterns als Hintergrund der Feuermagie. Außerdem deuten sie Kambugudhas Hilferuf als Zeichen dafür, dass ihre Magie sich nicht schnell genug erholen kann. Aldebaran ist nur ein sogenannter “Langsam unregelmäßig Veränderlicher”, Beteigeuze schwankt viel häufiger.
In Beagle Bay, im Nordwesten Australiens, startete Daisy Bates ihre Arbeit als Anthropologin. Später zog sie nach Ooldea wo sie aufschrieb, was die Kokatha über Nyeeruna erzählen. (Karte: N. Komin nach N. Tindale und AIATSIS)
Aufzeichnung
Daisy Bates war eine Anthropologin ohne formelle Ausbildung, die ihre ersten Erfahrungen in Beagle Bay im Nordwesten Australiens sammelte. Nach verschiedenen Stationen in Westaustralien zog sie 1919 nach Ooldea in Südaustralien.
Daisy Bates in 1936. (Foto: State Library of South Australia [B 6799])
Zu dieser Zeit wurde Ooldea von den Kolonisten beim Ausbau der Transaustralischen Eisenbahn, als Ausgangspunkt für Inlandexpeditionen und zur Missionierung der Aborigines benutzt. Die permanente Wasserquelle in der Nähe Ooldeas war in Trockenzeiten ein wichtiger Rückzugsort für viele Aborigines der Gegend, auch für die Kokatha. Lange Handelsrouten liefen hier zusammen. Bates lebte bis 1935 an dem Ort, beobachtete das Leben der Aborigines und schrieb unter anderem die Geschichte von Nyeeruna und den Yugarilya Schwestern auf.
Duane Hamacher veröffentlichte seine Interpretation der Überlieferung in 2014 und 2017. Hamacher hatte ursprünglich in den USA Physik studierte, ist dann als Auslandsstudent nach Australien gezogen und schrieb seine Masterarbeit über Exoplaneten. Er merkte aber, dass ihn Archäoastronomie viel mehr interessierte, weshalb er in die Anthropologie wechselte und schließlich eine Doktorarbeit über die Astronomie der Aborigines schrieb. Ein bis dahin wenig erforschtes Thema.
Nicht alle folgten jedoch Hamachers Sicht auf Nyeerunas Geschichte. “Einige prominente Amateurastronomen nannten mich einen Lügner und Betrüger.” berichtet er auf Anfrage. Laut den Kritikern sei es unmöglich, dass Aborigines veränderliche Sterne identifiziert hätten.
Rückendeckung
Bradley Schaefer ist ein heute emeritierter Astrophysiker. Er arbeitete mit Supernovas, Doppelsternen und Dunkler Materie, veröffentlichte aber auch über Astronomiegeschichte. Einen großen Teil seiner Zeit widmete er dem entlarven falscher, meist besonders spektakulärer Interpretationen.
“Meine reflexartige Reaktion bei Behauptungen zu uraltem Wissen ist Skepsis,” schreibt er 2018. Es seien meist “mangelhafte Behauptungen, meistens über exotische Entdeckungen, zu denen es keine Belege gibt”. Beteigeuzes Veränderlichkeit ist aber gerade nicht exotisch. Sie ist stark genug, um mit bloßem Auge beobachtet und häufig genug, um in einem Menschenleben leicht erkannt zu werden ist. In etwa vierhunderttägigem Rhythmus schwankt Beteigeuze zwischen Platz zehn und Platz fünfzehn der hellsten Sterne. Dass Aborigines an Astronomie ein hohes Interesse haben, ist eindeutig belegt.
Ein weiterer Grund für die sonst meist skeptische Einstellung Schaefers ist, dass die Aufzeichnungen oder Überlieferungen, die vielen Behauptungen zugrunde liegen, mehrdeutig sind. So wird oft jeder “alte Kringel als Supernova dargestellt.” Auf die Darstellung Beteigeuzes in der Geschichte Nyeerunas trifft dies aber nicht zu. Da geht es um das regelmäßige Aufflammen zweier eindeutig identifizierter Sterne.
Bradley Schaefer hat keine Zweifel an der Richtigkeit Hamachers Schlussfolgerungen. So wenig, dass er sein Antwortpaper mit den Worten: “Ja, Australische Aborigines konnten und haben die Variabilität Beteigeuzes entdeckt” betitelte.
Auf Nachfrage zu dem Thema und mit Blick auf die besonders starke Verdunklung Anfang des Jahres 2020 schrieb uns Schaefer: “Die Veränderlichkeit ist offenkundig. Letzten Monat wurde der Welt der Beweis präsentiert, wie einfach die Veränderlichkeit Beteigeuzes zu entdecken ist.”
Leaman und Hamacher: “Aboriginal Astronomical Traditions from Ooldea, South Australia Part 1: Nyeeruna and the Orion Story”, Journal of Astronomical History and Heritage (2014), (arxiv)
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